„Arbeit macht frei“: Fast jeder Deutsche (und nicht nur wir) kennt diesen Slogan und seine düstere Vergangenheit — zumindest aus dem (oft weiter zurückliegenden) Schulunterricht. Ein Satz der Nationalsozialisten, der über den Toren der Konzentrationslager thronte, unter dem Juden, politisch Andersdenkende, eroberte Völker und viele mehr den Weg (meist) in den Tod gingen. Bis heute hinterlässt dieser Slogan ein ungutes, beklemmendes Gefühl, sodass selbst 60 Jahre später jeder mit diesem Satz vorsichtig umgeht. Und Sprachspiele würde sich kaum ein noch so provozierender Werber — und selbst eine Benetton-Werbung — erlauben. Denn der kollektive Aufschrei wäre enorm.
Dies alles schoss mir durch den Kopf, als ich diesen Spruch „Gesundheit macht frei“ großflächig und mit drei Ausrufezeichen versehen auf den Bahnhöfen Kopenhagens plakatiert sah.

Und auch wenn die Nazi-Zeit glücklicherweise schon weit mehr als ein halbes Jahrhundert zurück liegt und Dänemark nicht die schwere Bürde der Vergangenheit zu tragen hat: Doch bei diesem offensichtlichen deutsch-dänischen Sprachspiel mit der Vergangenheit dachte ich nur: „Die haben hier wohl die Vollmeise!“ Und keinerlei Geschichtsdenken. Denn auch die Dänen haben ihre Nazi-Leichen noch in den Kellern und das Thema Nationalsozialismus und die Rolle Dänemarks früher und heute kocht immer wieder hoch.
Und dann solch eine Anti-Raucher-Kampagne zu machen: Soll dies — 1 zu 1 übertragen, bedeuten, dass alle Raucher ins KZ gehören? Durch welchen Wolf muss man denn da gedreht worden sein, um auf diese Kampagne zu kommen? Als Werbetexter wie als beauftragende, geschweige denn staatliche, genehmigende Instanz?
Und auch wenn man als dänisch Sprechender genauer nachliest und herausfindet, dass die Kampagne keine Anti-Raucher-Kampagne ist sondern sich vielmehr gegen die Anti-Raucher-Kampagnen und die Verurteilung von Rauchern richtet: Wie unverantwortlich geht man denn in einer Touristenmetropole dann mit Besuchern aus allen Ländern um, die diese Sprachfeinheiten nicht kennen, dafür aber die Geschichte zum Slogan kennen oder sogar Familienangehörige in diesen Ort verloren haben? Ich habe nichts gegen provozierende Werbung. Aber bei diesem gibt’s von mir nur ein völliges Kopfschütteln!
Mehr dazu:
Weitere Kampagnen-Proteste und Zweifel u.a. in der Frankfurter Rundschau, bei udopea und bei Spreeblick, mehr Infos zur Kampagne sowie weitere Bilder und Motive auch bei der Deutschen Welle.


Es ist nur ein Satz.
Ach: „die Nazi-Zeit glücklicherweise schon weit mehr als ein halbes Jahrzehnt zurück“
Hab ich was verpasst?
@Frank: Danke dir für den aufmerksamen Hinweis. Und nö: Du hast nichts verpasst. Ich habe dem Text eher einen nicht gerade unrelevanten Fehler verpasst. Sorry dafür.
Sprachlich total daneben, gerade weil dieser Satz mit einer solchen Bedeutung aufgeladen ist.
@Fehlerleser.de: Genau das hat mich auch so aufgeregt. Und dies mit der Werbe-Aktion eines lokalen Stars zu erklaeren, macht das Ganze eher noch schlimmer. Bitte nochmals in die Schule gehen, kann man da nur raten.