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Keine wirkliche Ferienlektüre

Som­mer­zeit ist nicht nur Feri­en­zeit son­dern immer auch Lese­zeit. Selbst ich habe mich in die­sem Jahr die­sem klei­nen Motto gewid­met, um mir zwei Bücher vor­zu­neh­men, die schon län­gere Zeit auf mei­nem Bücher­re­gal auf mich war­ten. Viel­leicht hätte ich es bes­ser doch gelas­sen und die Zeit anders verbracht.

Kein Lese­spaß: Die­sen Titel ver­passe ich „Gut gegen Nord­wind“ von Daniel Glattauer. Auch wenn es schon län­ger — samt Nach­fol­gern und Audio-​​DVDs — auf dem Markt ist, habe ich mich erst jetzt durch­ge­kämpft (es hat deut­lich län­ger als die Ferien gedau­ert!), da ich mit den Bekannt­schaf­ten per E-​​Mail selbst meine aus­führ­li­chen und durch­aus posi­ti­ven Erfah­run­gen gemacht habe. Und dann die­ses Buch: Gelobt in zahl­rei­chen Kri­ti­ken beschreibe ich es weni­ger lite­ra­risch dafür umso ein­deu­ti­ger als öde, däm­lich, lang­wei­lig, unin­spi­rie­rend, unro­man­tisch, unglaub­wür­dig. Was dort in Sekun­den­schnelle an Tex­ten ver­sen­det wird, die hoch­geis­tig auf dem Reiß­brett ent­wor­fen aber ohne wirk­li­ches Leben gefüllt sind. Und dies ein Jahr lang — bzw. 220 Sei­ten lang, auf Siez-​​Ebene und ohne Tref­fen. Wirk­lich lebens­fremd. Diese E-​​Mail-​​Bekanntschaft ohne Happy End — immer­hin dies ist posi­tiv! — ist eine Buch für Men­schen, die sich bis heute nicht vor­stel­len kön­nen, dass sich Men­schen per E-​​Mail ken­nen ler­nen könn­ten. Für alle ande­ren ist es raus­ge­schmis­sene Zeit.

Kein leich­ter Stoff: Es zählt zur berühm­ten 50-​​bändigen Roman­ga­le­rie des Süd­deut­schen Ver­la­ges: „Das kurze Leben“ von Juan Car­los Onetti. Als Lateinamerika-​​Reisender und Freund latein­ame­ri­ka­ni­scher Lite­ra­tur habe ich mir die­ses Buch vor­ge­nom­men, das als Vor­läu­fer des moder­nen latein­ame­ri­ka­ni­schen Romans gilt. Es geht um einen 40-​​Jährigen in einer tie­fen Lebens­krise, der sich beim Schrei­ben eines (erfolg­lo­sen) Dreh­buchs eine Doppelgänger-​​Existenz erfin­det. So weit der Ein­band — und durch­aus span­nend. Doch 346 Sei­ten wei­ter weiß ich immer noch nicht viel mehr. Das soll nichts unbe­dingt gegen das Buch sein; ich habe es zuge­ge­be­ner­ma­ßen in sei­ner Kom­plex– und Kom­pli­ziert­heit und sei­nen lan­gen, sprach­ge­wal­ti­gen Sät­zen nicht wirk­lich ver­stan­den — und konnte so auch nicht die Fas­zi­na­tion die­ser Lek­türe eines Man­nes erlie­gen, den Gus­tav Seibt lobt:  „Ein viel zu wenig gele­se­ner Autor“.

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Geschrieben von Dominik Ruisinger

Kommunikationsberater, Journalist, Autor, Dozent, Reisender, Lebensliebhaber, Trapezartist zwischen Off- und Online-World

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12 Kommentare zu “Keine wirkliche Ferienlektüre”

  1. Jasmin sagt:

    Muss dir bei „Gut gegen Nord­wind“ lei­der bei­pflich­ten. Dachte wie du, dass wird eine moderne, gute und vor allem kurz­wei­lige Geschichte. Aber ich musste mich wirk­lich durch den Stoff quälen!

  2. Dominik sagt:

    @Jasmin: End­lich mal eine Frau, die die­ses Buch genauso dämlich-​​zäh-​​dümmlich-​​unglaubwürdig fin­det wie ich. Nach den gan­zen Lobes­hym­nen auf sei­ner Seite hatte ich schon an mei­ner „Nor­mal­heit“ gezwei­felt. Aber jetzt ist wie­der alles super.

  3. Vanessa sagt:

    Der als so gefühl­voll, ein­fühl­sam, herz­er­fri­schend und roman­tisch bezeich­nete Mail-​​Austausch die­ser vir­tu­el­len Begeg­nung zweier Frem­der ist wirk­lich kei­nes­wegs rea­li­täts­nah. Knis­tert es wirk­lich, auch durch Moni­tor­wände hin­durch, bleibt es nicht beim förm­lich kor­rek­ten abstands­wei­sen­den Sie­zen, dann lässt ein Tref­fen nicht ewig auf sich war­ten.
    Es kann gut sein, dass ich kein Recht habe mich über die­ses Buch zu äußern, schließ­lich habe ich nur ein paar Sei­ten gele­sen oder gar über­flo­gen, denn die reich­ten völ­lig aus, um jeg­li­che Lese­lust zu ver­lie­ren. Ja, viel­leicht gefällt einer Mehr­heit die­ser zähe und irgend­wie nicht flüs­sig geschrie­bene Band. Und viel­leicht bin ich auch durch die atem­be­rau­bendste Mail-​​Bekanntschaft mei­nes Lebens in mei­ner Sicht des World-​​Wide-​​Web-​​Kennen und –Lieben-​​lernens beein­flusst. Aber genau diese eigene Erfah­rung zeigt mir, dass ein Mensch wie ich — kein Tex­ter, kein Autor, kein täg­lich Schrei­ben­der — mehr Gefühl und Liebe in Worte und Bil­der legen kann, als viel­leicht die schönste Text­stelle in die­sem Buch. Ich will „Gut gegen Nord­wind“ gar nicht schlecht machen, nur frage ich mich, was dann die Zei­len erst für eine Kraft haben, die mir vir­tu­ell gewid­met wur­den und die ich ver­schickt habe…

  4. Dominik sagt:

    @vanessa: Benei­dens­wert dein wirk­li­ches E-​​Mail-​​Erlebnis, so wie du es andeu­test — mir geht es per­sön­lich in die­ser Erfah­rung aber min­des­tens genauso gut. Wahr­schein­lich muss man die­ses WWW-​​Kennenlernen und –Lie­ben­ler­nen selbst erlebt haben, um auch dar­über zu spre­chen und zu schrei­ben. Denn ansons­ten ist es wie die­ses Buch ein ver­such­ter Lie­bes­ro­man ohne wirk­li­che Liebe. Und das liest sich dann auch aus jeder Zeile heraus.

  5. Paul sagt:

    Sicher­lich ist eine WWW– Lieb­schaft sel­ten etwas für Dritte, aber es gibt Sie diese Lei­den­schaft. Vor allem die Vor­freude auf das Wiedersehen…

  6. @Paul: Aber klar gibt es diese Online-​​Liebschaften und Liebe. Und diese ist wirk­lich ganz wun­der­voll und lei­den­schaft­lich und mit viel Zit­tern und Erwar­tun­gen ver­bun­den. Umso schlim­mer ist es, wenn Auto­ren aus die­sen beson­de­ren Momen­ten geküns­telte Werke ohne Gefühle und ohne Glaub­wür­dig­keit machen.

  7. Klar sind Online-​​Liebschaften eine Form moder­ner Liebe, aber dar­aus Geld zuzie­hen, in dem ein geküns­tel­tes Werk nach dem ande­ren erscheint ist doch nicht in Ordnung.

  8. Vagabond sagt:

    Ich find das neue thema was grade auf­kommt inter­es­sant. Mal abge­se­hen von die­sen wer­ken, was ist den mit den gan­zen flirt­por­ta­len wo geld dafür bezahlt wird um mit ande­ren men­schen zu chatten ?

  9. Vanessa sagt:

    Jetzt bin ich doch baff: Daniel Glaut­tau­ers Story scheint ja so gut anzu­kom­men, dass jetzt sogar eine Büh­nen­fas­sung dar­aus gebas­telt wurde.

    Am 17. Januar fei­ert die vir­tu­elle Lie­bes­ge­schichte Pre­miere in Ber­lin… http://www.komoedie-berlin.de/repertoire/gut+gegen+nordwind.htm

    Ich bin gespannt, wel­che Reak­tio­nen die Auf­füh­rung mit sich bringt!

  10. Dann gibt es immer­hin schon wie­der ein Thea­ters­tu­ecke, was es auf jeden Fall zu mei­den gilt. Aber in der Ber­li­ner Komo­edie laeuft eh nur belang­lo­ses Zeug — Ziel­gruppe 50–60-plus. Und die fin­den das Buch ja anschei­nend toll. tse tse tse

  11. Jasmin sagt:

    Naja irgend­wie scheint heut­zu­tage jeder Blöd­sinn abneh­mer zu finden :(

  12. @Jasmin: Wie wahr! Dabei hatte ich mich schon bei der Qual durch die Sei­ten gefragt, wer das eigent­lich liest — aus­ser ich Armer ;-) Und jetzt noch ansieht. Aber ande­rer­seits: Die­ses Thea­ter hat Ziel­gruppe 50–60-Jaehrige — und die sind glaube ich auch die Kernleser.

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