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„Morgen, morgen nur nicht heute“

Sir Peter Usti­nov sagte ein­mal: „Die Men­schen, die etwas von heute auf mor­gen ver­schie­ben, sind die­sel­ben, die es bereits von ges­tern auf heute ver­scho­ben haben.“ Da hat er wohl recht. Denn wer schiebt unan­ge­nehme Tätig­kei­ten nicht hin und wie­der auf die lange Bank, erle­digt sie auf dem letz­ten Drü­cker oder pro­lon­giert sie, wie es die Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler nen­nen. Unfass­bar, wie attrak­tiv plötz­lich Staub­sau­ger oder Wasch­ma­schine wer­den, sobald man vor dem lee­ren Blatt Papier sitzt, auf dem eigent­lich schon bald die Haus­ar­beit ste­hen müsste. Auf­schie­ben ist ein allzu mensch­li­ches Las­ter, das schein­bar von Faul­heit und zu wenig Selbst­dis­zi­plin zeugt. Doch was ist, wenn man chro­nisch auf­schie­ben muss? Wenn man nicht ande­res kann, als den Anruf beim Arzt immer wie­der hinauszuzögern?

Psy­cho­lo­gen haben dafür den Fach­be­griff „Pro­kras­ti­na­tion“ geprägt – abge­lei­tet von dem latei­ni­schen Verb „pro­cras­ti­nare“, das so viel bedeu­tet wie „auf mor­gen ver­le­gen“. „Es ist ein Pro­blem – fak­tisch mit Sicher­heit, sonst wür­den nicht so viele Ter­mine nicht ein­ge­hal­ten wer­den“, erklärt Dr. Gün­ter Faber. Mit sei­nen Stu­den­ten forscht er am Insti­tut für Päd­ago­gi­sche Psy­cho­lo­gie der Leib­niz Uni­ver­si­tät Han­no­ver zum Thema Pro­kras­ti­na­tion. Seit den 1980er Jah­ren wid­men sich inter­na­tio­nale Wis­sen­schaft­ler dem Phä­no­men. Mehr als eine Arbeits­de­fi­ni­tion gibt es jedoch bis­her nicht. Dem­nach ist Pro­kra­tio­na­tion das gewohn­heits­mä­ßige und irra­tio­nale Auf­schie­ben von lang­fris­tig geplan­ten Auf­ga­ben, deren Wich­tig­keit einem bewusst ist. Oder ein­fach gesagt: Man orga­ni­siert seine To-​​Do-​​Liste stän­dig um, ohne etwas von ihr zu erledigen.


Abb. 1: 5 vor 12: Auf­schie­ber erle­di­gen wich­tige Auf­ga­ben oft in letz­ter Minute.
Abb. 2: Syn­onyme für das Wort „auf­schie­ben“ gibt es viele.
Abb. 3: Lee­rer Bild­schirm: Auf­schie­ber fin­den häu­fig kei­nen Anfang.

Erklä­rungs­ver­su­che gibt es viele
Wie weit das Pro­blem ver­brei­tet ist? Das fragt sich auch Dr. Faber. Stu­dien haben erge­ben, dass 20 bis 70 Pro­zent der welt­wei­ten Bevöl­ke­rung von der Auf­schie­be­ri­tis, wie Pro­kras­ti­na­tion im Volks­mund heißt, betrof­fen sind. Vor allem Stu­die­rende schei­nen an dem Phä­no­men zu lei­den – zumin­dest ist ihr Auf­schie­be­ver­hal­ten am bes­ten erforscht. Doch es gäbe kei­nen kri­ti­schen Wert, ab dem man sagen könne „So, jetzt ist es Pro­kras­ti­na­tion“, meint der Experte. Die Grenze zwi­schen Las­ter und Stö­rung bzw. Krank­heit ist den Wis­sen­schaft­lern noch unklar.

Ebenso unge­klärt sind die Ursa­chen der Arbeits­stö­rung. „So rich­tig auf den Punkt, ‚jetzt wis­sen wir genau, wo es her­kommt‘“, soweit ist die For­schung noch nicht, sagt Gün­ter Faber — auch wenn sie uns das gerne glau­ben machen würde. Erklä­rungs­ver­su­che hin­ge­gen gibt es viele. Dabei ist das Ziel des Auf­schie­bens oft Selbst­wert­schutz. Betrof­fene ver­mei­den alles, das mit unan­ge­neh­men Gefüh­len ver­bun­den sein könnte. Psy­cho­lo­gen spre­chen daher oft vom „Avo­idance Pro­cras­ti­na­tor“, dem Vermeidungsaufschieber.

Per­fek­tio­nis­ten schei­tern bei­spiels­weise an ihrem eige­nen krank­haf­ten Ver­lan­gen, immer das Beste zu geben. Aus Angst vor dem Ver­sa­gen, begin­nen sie lie­ber gar nicht erst. Aber auch Prü­fungs­angst kann Grund zum Pro­kras­ti­nie­ren sein. Wieso für die Füh­rer­schein­prü­fung ler­nen, wenn man eh weiß, dass man durch­fällt? Hier­bei spie­len auch moti­va­tio­nale Pro­bleme eine Rolle. Wird eine Auf­gabe als lang­wei­lig, unin­ter­es­sant oder min­der­wer­tig bewer­tet, fällt es schwer die nötige Moti­va­tion auf­zu­brin­gen. Nur zu gerne lässt sich der Auf­schie­ber dann Ablenken.

Einige Psy­cho­lo­gen ver­mu­ten hin­ter der Stö­rung „fal­sche“ Idole, die meist im engs­ten Fami­li­en­kreis zu fin­den sind. Da ist zum Bei­spiel der Vater, der im Job per­fekt funk­tio­niert und auf der Erfolgs­welle schwimmt, seine Fami­lie zuhause jedoch ver­nach­läs­sigt. Natür­lich wer­den seine Kin­der bestrebt sein, alles anders zu machen: Sie wer­den zu lie­be­vol­len Fami­li­en­men­schen, hin­ken im Beruf aber stets hin­ter her.

Und dann gibt es da noch die Auf­schie­ber, die den Kick brau­chen, die nur unter Druck krea­tiv sind und des­halb alle Auf­ga­ben in der letz­ten Minute fer­tig­stel­len. Dou­glas Adams, Autor von „Per Anhal­ter durch die Gala­xis“, kon­sta­tierte dazu einst: „Ich mag Dead­lines. Ich mag das „Whoosh“-Geräusch, das sie im Vor­bei­flie­gen machen.“ Exper­ten haben für Men­schen wie Adams daher den Begriff „Arou­sal Pro­cas­ti­na­tor“, Erre­gungs­auf­schie­ber, geprägt.

Im Ein­zel­fall kom­men alle Ursa­chen zusam­men
Die Liste der mög­li­chen Ursa­chen der Auf­schie­be­ri­tis ließe sich noch eine Weile fort­set­zen. Denn selbst die Struk­tur unse­res Gehirns wurde von Wis­sen­schaft­lern schon als Übel­tä­ter aus­fin­dig gemacht. „Alle in Frage kom­men­den Ursa­chen kom­men im Ein­zel­fall wohl zusam­men“, urteilt Dr. Gün­ter Faber von der Uni­ver­si­tät Hannover.

Für ihn ist trotz der inten­si­ven For­schung und der vie­len Befunde alles noch sehr vage: „Im Moment kann man mehr Fra­gen stel­len als Ant­wor­ten haben.“ Es schreit alles nach einer Lang­zeit­stu­die, sagt Faber. Denn bei allen bis­he­ri­gen Unter­su­chun­gen wur­den Pro­kra­ti­na­to­ren nie über meh­rere Jahre hin­weg beob­ach­tet, sodass die For­schung nicht sicher sein kann, was Ursa­che und was Folge ist. Beginne ich etwa auf­grund von Miss­er­fol­gen wich­tige Tätig­kei­ten zu ver­ta­gen oder resul­tie­ren die Miss­er­folge aus mei­nem Auf­schie­be­ver­hal­ten? Es stellt sich des­halb die ewige Frage: Was war zuerst – Huhn oder Ei?

Oft wird Pro­kras­ti­na­tion an den Fol­gen für die Betrof­fen fest gemacht. Diese kön­nen sowohl per­sön­li­cher als auch beruf­li­cher Natur sein. Psy­cho­lo­gen an der Uni­ver­si­tät Müns­ter konn­ten bei­spiels­weise fest­stel­len, dass Stu­den­ten, die die Regel­stu­di­en­zeit über­schrit­ten und eine Ten­denz zum Auf­schie­ben haben, in der Regel depres­siv sind. Am häu­figs­ten trifft es Stu­die­rende der Geis­tes­wis­sen­schaf­ten, da ihr Stu­dium weni­ger struk­tu­riert ver­läuft und von ihnen mehr Eigen­in­itia­tive ver­langt wird.

Auf­schie­ber lei­den sub­jek­tiv
Für Gün­ter Faber ist aller­dings noch nicht end­gül­tig geklärt, ob Auf­schie­ber tat­säch­lich Scha­den neh­men. „Sie lei­den sub­jek­tiv dar­un­ter“, sagt er. Jedoch ist sei­ner Mei­nung nach ein direk­ter Zusam­men­hang zwi­schen (aka­de­mi­schen) Leis­tun­gen und der Pro­kras­ti­na­ti­ons­ten­denz empi­risch noch nicht bewie­sen. Etwa der Abitur­durch­schnitt gäbe keine Aus­kunft über ein mög­li­ches Aufschiebeverhalten.

Inter­es­sant ist auch, dass Män­ner und Frauen schein­bar glei­cher­ma­ßen von der Stö­rung betrof­fen sind. Ebenso wenig belegt, ist eine Wech­sel­be­zie­hung zwi­schen Auf­schie­ben und Intel­li­genz oder Auf­schie­ben und dem Kul­tur­kreis. So fin­den in den letz­ten Jah­ren auch in China ver­mehrt Stu­dien zum Thema Pro­kras­ti­na­tion statt. Auf­schie­ber gibt es also nicht nur in der west­li­chen Welt.

Trotz der vie­len For­schungs­in­itia­ti­ven seit den 1980er Jah­ren ist das Pro­blem noch nicht greif­bar. Im Gegen­teil – die Abgren­zun­gen zu ande­ren psy­chi­schen Erkran­kun­gen, wie etwa der Prü­fungs­angst, ver­schwim­men immer mehr. Dies meint zumin­dest Dr. Gün­ter Faber: „Je mehr ich mich mit der Pro­kras­ti­na­tion beschäf­tigt habe, desto unsi­che­rer bin ich mir.“

Er ist sich aber sicher, dass die Auf­schie­be­ri­tis in Mode­thema ist: „Wer ein Ratgeber-​​Buch über Pro­kras­ti­na­tion schreibt, hat hohen Absatz.“ So wer­den ver­mut­lich noch viele Sei­ten mit Tipps gefüllt, die mal mehr, mal weni­ger wert­voll sind, bis wir das Phä­no­men „Auf­schie­ben“ end­gül­tig ver­ste­hen – vor­aus­ge­setzt, die Auto­ren müs­sen nicht vor­her den Müll raus­brin­gen, Oster­gras anse­hen oder ihren Schreib­tisch aufräumen.

Ser­vice­an­ge­bot an Sie:
Sind Sie ein Auf­schie­ber? Tes­ten Sie hier Ihre eigene Prokrastinationstendenz.

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