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Der PR-​​Volontär und das Sozialamt: Eine nicht-​​weihnachtliche Geschichte

Als Dozent an ver­schie­de­nen Hoch­schu­len und bei pri­va­ten Aus­bil­dungs­trä­gern habe ich das große Glück, mich regel­mä­ßig mit dem PR-​​Nachwuchs über seine Bedürf­nisse aus­tau­schen zu kön­nen, über Erwar­tun­gen, Pro­bleme, Kri­tik­punkte,  Anfor­de­run­gen und über typi­sche Berufs­fra­gen wie den rich­ti­gen Ein­tritt in den Job. Dabei steht die Suche nach einem pas­sen­den Volon­ta­riat oder einem Trainee-​​Programm stets ganz oben auf der Wunschliste.

Diese würde es durch­aus geben, so mein­ten meine Gesprächs­part­ner, aber meist zu extrem mie­sen Kon­di­tio­nen: 700 Euro pro Monat für ein Agen­tur­vo­lon­ta­riat in Ham­burg, 800 Euro in Mün­chen, immer­hin 1.000 Euro für ein Volon­ta­riat in Ber­lin — natür­lich brutto — und dies bei 50–60 Stun­den pro Woche, gerne auch am Wochen­ende – so einige der Aus­sa­gen. Aha, dachte ich mir. Nut­zen da viel­leicht Arbeit­ge­ber die schwie­rige Berufs­ein­stiegs­si­tua­tion aus?

Volon­ta­riat schon ab 590 Euro. Super.
Bevor ich gleich Agen­tur­schelte betrei­ben wollte, recher­chierte ich selbst ein wenig. Das Ergeb­nis nach 30 Minu­ten: Volon­ta­riate zu 750 Euro pro Monat, zu 830 Euro pro Monat, zu 590 Euro pro Monat, da waren die ent­deck­ten 1.000 Euro schon fast ein Glücks­griff. Gerade klei­ne­ren und mitt­le­ren PR-​​Agenturen schien der Nach­wuchs beson­ders wenig wert zu sein. Im Blog Berufs­wunsch: Irgend­was mit Medien schrieb Jana Kamin­ski von etwas zwi­schen 700 und 1600 Euro. Eine etwas weite Spanne.

Ich begann trau­rig zu wer­den: Was sollte wohl ein Stu­di­en­ab­sol­vent, der sich nach Abitur über Bachelor-​​, Diplom– oder Mas­ter­stu­di­en­gang sowie zahl­rei­chen Prak­tika für sei­nen Beruf über meh­rere Jahre lang qua­li­fi­ziert hat, denn davon den­ken? Wie sollte er von die­sen Löhne leben, wenn er keine wohl­ha­ben­den Eltern oder ein dick gefüll­tes Bank­konto hatte — eine eher sel­tene Erschei­nung zu stu­den­ti­schen Zei­ten? Denn für Neben­jobs gibt’s bei Volon­ta­ria­ten kaum eine Chance. Und ist dies wirk­lich das Ziel, dass Volon­täre sich par­al­lel in Jobs ihr Geld für das Volon­ta­riat ver­die­nen? Fast schon absurd. Also doch PR-​​Volontariate nur für den rei­chen Nach­wuchs? Kopfschütteln.

Liebe Agen­tu­ren, machen wir eine wei­tere kleine — etwas krude — Rech­nung auf: Bei einem ange­nom­me­nen Agentur-​​Tagessatz von 500–900 Euro bedeu­tet dies, dass ihr Volon­täre für über 20 Tage beschäf­tigt, aber nicht mehr als für 1–2 Tage bezahlt. Klingt wie die Suche nach bil­li­gen Arbeits­kräf­ten. Nur: Wie ist das denn mit der Ver­ant­wor­tung für den Nach­wuchs? Haben wir nicht selbst mal angefangen?

Eine Auf­gabe für die PR-​​Verbände. Drin­gend.
Noch etwas begann ich mich zu fra­gen: Warum sind die finan­zi­el­len Aspekte von PR-​​Volontariaten nicht gere­gelt? Warum gibt es zumin­dest keine kla­ren Emp­feh­lun­gen? Und warum ist dies bei den Jour­na­lis­ten­ver­bän­den wie DJV und IG Medien sau­ber bestimmt, auf die sich dann ver­ant­wor­tungs­volle PR-​​Agenturen und Unter­neh­men bezie­hen? So ist bei­spiels­weise beim Deut­schen Jour­na­lis­ten­ver­band detail­liert nach­zu­le­sen, dass Volon­täre im 1. Aus­bil­dungs­jahr zwi­schen 1.583 und 1.755 Euro (alters­ab­hän­gig) und im 2. Aus­bil­dungs­jahr 2.034 Euro pro Monat erhal­ten, auch wenn die genauen Zah­len der­zeit neu fest­ge­legt wer­den. Und wie steht die PR-​​Branche dazu? Anschei­nend gar nicht, denn Anga­ben = Fehlanzeige.

Liebe PR-​​Verbände, liebe DPRG samt Junio­ren, liebe GPRA oder lie­ber Bun­des­ver­band deut­scher Pres­se­spre­cher: Wäre dies nicht ein Thema, dem ihr euch alle inten­sivst wid­men wollt? Und dies drin­gend? Wie kommt es denn, dass die Journalisten-​​Branche klare Richt­li­nien fest­ge­legt hat und die PR-​​Branche nicht? Ist es nicht son­der­bar, dass sich Unter­neh­men bei der Ein­stel­lung von PR-​​Volontären — immer­hin — an den DJV-​​Richtlinien ori­en­tie­ren, weil sie von ihrer eige­nen Bran­che keine gebo­ten bekom­men? Oder seid ihr schon mit­ten in die­sem Pro­zess, von dem zumin­dest ich lei­der nir­gendwo etwas fin­den konnte?

Es geht um unse­ren Nach­wuchs. Jetzt.
Liebe Agen­tu­ren und Ver­bände: Wir spre­chen hier nicht von irgend­ei­nem Thema. Wir spre­chen von unse­rem Nach­wuchs und unse­rer Ver­ant­wor­tung. Und haben wir zudem nicht alle den Anspruch, dass die­ser Nach­wuchs her­vor­ra­gend aus­ge­bil­det wird, damit „die Neuen“ – ob in Agen­tu­ren, Unter­neh­men, Insti­tu­tio­nen — sich auch bes­tens und mit viel Wert für den Arbeit­ge­ber ein­set­zen lassen?

Nein, ich will hier nicht alle Agen­tu­ren über einen Kamm sche­ren. Kei­nes­wegs. Es gibt wirk­li­che Vor­bil­der, die sich an DJV-​​Richtlinien ori­en­tie­ren oder ihr eige­nes hohes Wert­emp­fin­den gegen­über Volon­tä­ren in einer anspruchs­vol­len Hono­rie­rung zeigen.

Nur: Nach den vie­len Gesprä­chen, die ich in den letz­ten Mona­ten geführt habe, bleibt bei mir das mul­mige Gefühl zurück, dass es sich bei dem Volontärs-​​Dumping kei­ne­wegs um Ein­zel­fälle han­delt. Ganz im Gegen­teil. Sollte sich also wirk­lich nicht viel geän­dert haben, seit­dem der Spie­gel vor fünf Jah­ren vom PR-​​Volontariat „Spon­so­red by Sozi­al­amt“ schrieb? Viel­leicht liege ich damit ja völ­lig falsch? Ich hoffe ja — ich fürchte aber nein.

Fröh­li­che Weihnachten.

Update:

  • Mei­nen Bei­trag hat auch das PR-​​Journal hier über­nom­men, in der sich auch Ver­bände und Agen­tu­ren äußern: http://www.pr-journal.de/lese-tipps/themen-der-zeit/9445-das-pr-volontariat-und-das-sozialamt-eine-nicht-weihnachtliche-geschichte.html
  • Das PR-​​Journal hat zum Thema einen Auf­ruf gestar­tet, um Agen­tu­ren nach ihrer Bezah­lung zu fragen.
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Kommunikationsberater, Journalist, Autor, Dozent, Reisender, Lebensliebhaber, Trapezartist zwischen Off- und Online-World

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8 Kommentare zu “Der PR-​​Volontär und das Sozialamt: Eine nicht-​​weihnachtliche Geschichte”

  1. Dominik sagt:

    Ein kur­zer Test, ob Kom­men­tar­feld auch funk­tio­niert. Gab ein paar Klagen …

  2. Was im Volon­ta­riat bit­tere Wahr­heit scheint, ist bei Prak­ti­kan­ten quer durch alle Berufs­bil­der ja schon lange Usus: Bei einer Band­breite zwi­schen unbe­zahlt und einer Hand­voll Euro wird von Arbeit­ge­ber­seite gerne das Aus­lands­stu­dium, zwei Fremd­spra­chen und (mehr als) erste Berufs­er­fah­rung erwartet.

  3. Sina sagt:

    Was mich jetzt als noch in der Aus­bil­dung ste­ckende inter­es­sie­ren würde: Was darf ich denn als Volon­tär an Gehalt erwar­ten, sodass es fair ist? Und: Wie lange sollte so ein Volo unge­fähr gehen? Ich habe neu­lich ein Ange­bot von einer Agen­tur in Han­no­ver gese­hen, die haben einen Volon­tär für zwei (!) Jahre gesucht. Das finde ich ziem­lich unverschämt.

    Und noch etwas, jetzt ent­fa­che ich diese Dis­kus­sion wie­der ;) Wenn ich fünf Jahre PR stu­diert habe, zwei Mal wäh­rend mei­nes Stu­di­ums im Aus­land war (Pra­xis­se­mes­ter und Aus­lands­se­mes­ter), drei Prak­tika gemacht habe plus ein Jahr neben des Stu­di­ums in der Bran­che gear­bei­tet habe (als stu­den­ti­sche Aus­hilfe, aber immer­hin) — muss ich dann wirk­lich noch ein Jahr Volo hin­ten­dran hän­gen? Kommt das nicht eher aus Zei­ten, als es noch keine (andere) PR-​​Ausbildung, sprich kein PR-​​Studium gab? Inge­nieure machen doch nach 5 Jah­ren Stu­dium nicht auch erst mal ein bis zwei Jahre Prak­ti­kum, bis sie einen „rich­ti­gen“ Job bekom­men.
    Oder sehe ich da was falsch?

  4. Sina sagt:

    PS: Eben­falls frohe Weihnachten! :)

  5. Janina sagt:

    Hast du noch mehr Info­ra­tio­nen dazu ?

  6. Dominik sagt:

    @Sina: Das siehst du eigent­lich gar nichts falsch. Nur: Aus mei­ner eige­nen Erfah­rung kann ich sagen, dass die meis­ten Studi-​​Absolventen — und ja, da rechne ich mich im Rück­blick voll dazu -, nach Been­di­gung ihres Stu­di­ums trotz­dem noch rela­tive Anfän­ger sind. Wie gesagt: Viele davon. Das heißt: Sie haben zwar alles gelernt und in Prak­tika unter Anlei­tung umge­setzt, aber die kon­krete Umset­zung in fast allei­ni­ger Ver­ant­wor­tung ist dann doch für viele etwas kom­plett neues. Daher halte ich die Volon­ta­ri­ats– bzw. Trainee-​​Lösung für eine grund­sätz­lich gute Lösung.

    Ein Volon­ta­riat kann aber nur der Start­schuss sein — mit begrenz­ter Dauer — und nicht der Ersatz für einen fes­ten Mit­ar­bei­ter. Daher sind mei­ner Mei­nung nach 2 Jahre für ein Volon­ta­riat defi­ni­tiv zu lange. Ich würde grund­sätz­lich 18 Monate anset­zen — ähnlich wie im Jour­na­lis­mus übri­gens -, die sich dann aber auch auf 12 oder 15 Monate ver­kür­zen las­sen, wenn jemand schon rich­tig fit ist. Und du wür­dest sicher­lich dazu gehören ;-))

  7. Dominik sagt:

    @sina: Ich ver­gass — neben den lie­ben Weih­nachts­grü­ßen ans andere Ende der Welt: In dem Bei­trag im PR-​​Journal wurde eine ganz inter­es­sante Bro­schüre ver­linkt, die grobe Infor­ma­tio­nen zur Aus­bil­dung gibt. Ich hoffe, dass da in kürze noch eini­ges mehr kommt.
    http://www.pr-journal.de/lese-tipps/themen-der-zeit/9445-das-pr-volontariat-und-das-sozialamt-eine-nicht-weihnachtliche-geschichte.html

  8. Finn sagt:

    Ich war ges­tern Abend schon mal auf der Seite von der Arbeit aus aus, jetzt Zuhause vom Net­book mei­ner Freun­din ist das Lay­out aber irgend­wie zer­legt. Lei­der kei­nen Schim­mer, wel­cher Brow­ser auf mei­nem Net­book instal­liert ist.

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