Autorenarchive | Dominik

Das etwas andere Weihnachten

Wenn in einem weit abge­le­ge­nen Klos­ter „Vom Him­mel hoch, da komm ich her“ auf deutsch erto­ent,
wenn eine Gruppe Kin­der in einer ver­steck­ten Gasse auf ihren Gei­gen „Oh du Fro­eh­li­che“ einstimmt,

wenn kleine Dorf­kir­chen ihre treue Gemeinde zum all­abend­li­chen Weih­nachts­kon­zert laden,
wenn Got­tes­haeu­ser auf zen­tra­len Plaet­zen jeden Mor­gen um 3.30 Uhr zur Fru­eh­messe laut laeuten,

wenn der groesste Weih­nachts­baum nicht im kal­ten Ber­lin son­dern im ver­reg­ne­ten Bogota steht,
wenn in jeder TV-​​Sendung fuer Geschenke gewor­ben wird, waeh­rend im Hin­ter­grund (Kunst-)Schnee faellt,

wenn an prak­tisch allen Haeu­sern — ob Stadt, ob Dorf — die Weih­nachts­be­leuch­tung schrill glit­zert,
wenn Lich­t­er­schlan­gen Sterne und Baeume auf Plaet­zen, in Stras­sen, in Natur­schutz­parks erleuchten,

wenn ael­tere Los­ver­kaeu­fer bei ueber 30 Grad Hitze stolz ihre wol­le­nen Weih­nachts­muet­zen tra­gen,
wenn mit Sues­screme gefu­ellte Spru­eh­do­sen unvor­sich­tige Pas­san­ten mit weis­sen Baer­ten verzieren,

dann spu­ert auch der zuge­reiste Deut­sche schon etwas melan­cho­lisch, dass Weih­nach­ten vor der Tuer steht und in jedem Land etwas ganz beson­de­res ist — auch in sei­nem eige­nen Herzen.

Frohe Weih­nach­ten Euch Lieben!

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Mehr Regen — mehr Touristen — mehr Handys

Ges­tern hat mich der Besit­zer mei­nes Hotels in Santa Marta gefragt, was sich mei­ner Mei­nung nach in Kolum­bien inner­halb der letz­ten drei Jahre seit mei­nes letz­ten Auf­ent­halts so alles ver­aen­dert haette. Da fie­len mir spon­tan drei Aspekte ein:

1) Mehr Regen: Das Wet­ter­phae­no­men „La Niña“ hat hier voll zuge­schla­gen und in vie­len Regio­nen des Lan­des fuer schlimmste Ueber­schwem­mun­gen und Ver­wu­e­s­tun­gen gesorgt. Ich habe hier Bil­der im Fern­se­hen gese­hen, die mich regel­recht scho­ckiert haben — aber davon bekommt ihr in Deutsch­land sicher­lich nichts mit ;-(. Kaum jemand, mit dem ich hier gespro­chen habe, kann sich an der­ar­tige Was­ser­mas­sen erin­nern wie in die­sem Jahr. Einen guten Teil mei­ner Reise vor drei Jah­ren haette ich die­ses Jahr nie­mals machen koen­nen. Dabei ist die Regen­zeit eigent­lich seit 1 Monat zu Ende.

2) Mehr Tou­ris­ten: Auch wenn ich keine offi­zi­el­len Zah­len bei der Ent­wick­lung der Tou­ris­ten­zah­len kenne, ist es doch offen­sicht­lich: Die Zahl gerade der aus­la­en­di­schen Besu­cher hat deut­lich zuge­nom­men. Das betrifft die Haupt­stadt Bogota genauso wie fast alle meine bis­he­ri­gen Rei­se­ziele und sowohl Back­pa­cker, rei­sende Paare als auch Fami­lien mit Kin­dern. Kolum­bien scheint sich also ganz all­ma­eh­lich und Schritt fuer Schritt zum Rei­se­land zu ent­wi­ckeln. Bei den zahl­rei­chen teils noch unent­deck­ten Rei­zen auch kein Wunder.

3) Mehr Han­dys: Die welt­weite Mobil­funk­pho­bie hat auch hier voll zuge­schla­gen — auch wenn es wei­ter­hin die flie­gen­den „Minutos“-Telefonanbieter gibt. Kaum ein Ort, an dem nicht tele­fo­niert, gesmst oder per Face­book u.ae. kom­mu­ni­ziert wird. Bevor­zugte Han­dy­marke ist ueb­ri­gens ein­deu­tig Nokia. Das unglaub­lichste Bei­spiel habe ich erst vor weni­gen Tagen in der 2.800 Meter hoch gele­ge­nen Stadt Tunja erlebt. Ich sass in einer Kir­che, eine Bank wei­ter betete ein juen­ge­rer Mann knie­end in sich ver­tieft — die Reli­gio­si­taet ist im gesam­ten Land wei­ter­hin extrem hoch. Ploe­tz­lich laeu­tete sein Handy. Nicht dass er die­ses in die­sem inni­gen Moment igno­rie­ren wuerde. Kei­nes­wegs. Viel­mehr nahm er in sei­ner wei­ter­hin knie­en­den Stel­lung den Anruf an, sprach mit etwas geda­empf­ter Stimme in unver­aen­der­ter Hal­tung einige Minu­ten lang, um nach Abschluss — immer noch in der­sel­ben Hal­tung — wei­ter zu beten. Und da soll noch jemand sagen, dass Kir­che und Moder­ni­taet nicht zusammenpassen. ;-)

 

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Entspannen am Strand? Fehlanzeige!

Wenn etwas in Kolum­bien am Strand nicht klappt, dann ist das schla­fen oder doe­sen. Nicht, weil die Straende so ueber­fu­ellt wae­ren und fuer einen zu hohen Laermpe­gel sorg­ten. Kei­nes­wegs! Die „Stoe­rer“ sind eher berufsbedingt.

Denn hat man sich ein­mal aus­ge­streckt und die Augen geschlos­sen, wird man — so meine offi­zi­el­len Berech­nun­gen — alle 8,5 Sekun­den einen ande­ren flie­gen­den Haend­ler vor sich haben. Schliess­lich haben sie eine Menge im Ange­bot. Da wae­ren — regel­ma­es­sig rou­tie­rend — „Aguila, cer­veza, agua“ (Bier und Was­ser), „Masa­jes“ (Mas­sa­gen, sic), „Tinto“ (Kaf­fee schwarz stark gesu­esst), „Hela­dos“ (Eis), „Fru­tas“ (meist Man­go­schnitze), „Cocos“ (Erst Nuss trin­ken, dann essen), „Ost­ras“ (Aus­tern), „Car­nes“ (Fleisch­spies­schen) oder mal „Excur­sio­nes“ (Tickets fuer Ausfluege).

Dazu noch alle Arten von Chips, Eis­schnee mit sues­sen Sos­sen (hat meist eine Penis­form ;-), daher viel­leicht so beliebt), T-​​Shirts und Umhaenge, Sil­ber­schmuck, Koral­len­ket­ten und Arm­baen­der (natu­er­lich alle made in Colom­bia), Tretboot-​​Angebote, Fotos vor Mee­res­hin­ter­grund (selbst­ver­staend­lich von pro­fes­sio­nel­len Foto­gra­fen) und wei­tere 38 oder 39 mehr oder weni­ger span­nende Offer­ten. Da hilft nur eines: Weit ins Meer raus­schwim­men. Denn da kom­men sie — noch — nicht hin.

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Juan Valdez zeigt Verantwortung

Wer durch Kolum­bien reist, kommt an Juan Val­dez Cafe nicht vor­bei. Denn „Das Geschaeft der kolum­bia­ni­schen Kaf­fee­bau­ern“ mit dem nicht gerade preis­wer­ten, aber mei­ner Mei­nung nach bes­ten Kaf­fee der Welt hat in allen groes­se­ren Sta­ed­ten und Sta­edt­chen sei­nen pro­mi­nen­ten Sitz. Das Scho­ene: Ich gehe gerne dort­hin — neben mei­nem Gau­men und mei­ner Nase auch mein Gewis­sen. Denn was bei uns etwas all­ge­mein for­mu­liert „fair­trade“ heisst, ist hier kon­kret ein Mil­lio­nen schwe­res Pro­jekt, das den hie­si­gen Kaf­fee­bau­ern zu Gute kommt. Wie heisst es doch — frei ueber­setzt — auf jedem Becher: „Jede fuer die­sen Kaf­fee aus­ge­waehlte Kaf­fee­bohne ist das Ergeb­nis des Enga­ge­ments und der Arbeit von mehr als 500.000 Fami­lien, die in Kolum­bien Kaf­fee anbauen. Mit dei­nem Kauf traegst du dazu bei, dass diese Fami­lien eine bes­sere Zukunft haben.“

Quer durch all seine Pro­dukte und Medien kom­mu­ni­ziert Juan Val­dez diese Bot­schaft der sozia­len Foer­de­rung, der nach­hal­ti­gen Ent­wick­lung und des kon­se­quen­ten Schut­zes der Umwelt. Nicht nur die Becher, selbst die Papier­tel­ler fuer Kuchen und Crois­sants sind 100 Pro­zent recy­clbar. Stets ist zu lesen: „In unse­rem Bestre­ben, dir den bes­ten Kaf­fee der Welt anzu­bie­ten, wol­len wir gleich­zei­tig die Natur schuet­zen.“ Zudem initi­iert Juan Val­dez jaehr­lich Pro­jekte — wie den „Cafe de la Recon­ci­li­a­cion (Ver­so­eh­nung) — A Val­ley of Peace“, um den hie­si­gen Kaf­fee­bau­ern eine nach­hal­tige Ein­kom­mens­al­ter­na­tive zu bie­ten — und dies gerade in Regio­nen, die jahr­zehn­te­lang unter dem poli­ti­schen Kon­flik­ten des Lan­des lei­den mussten.

Mir ist in Deutsch­land kaum ein Unter­neh­men bekannt, das so kon­se­quent die­sen Weg geht, ueber die Not­wen­dig­keit die­ses Weges auch jeden Nut­zer — also hier Kaf­fee­trin­ker — sicht­bar hin­weist und damit natu­er­lich das eigene Mar­ken­image posi­tiv kom­mu­ni­zi­iert — mit Erfolg, wie die hohe Beliebt­heits­rate inner­halb von Kolum­bien belegt. Also rich­tige soziale und oeko­lo­gi­sche Ver­ant­wor­tung als CSR-​​Ansatz — fernab von allem Green-​​, White-​​, Blue und sons­ti­ges Transparent-​​Washing — und ich meine dies nicht auf die Ent­fer­nung in Kilo­me­tern bezogen.

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Glaube an die Sache

Glaube an die Sache im kolumbianischen Tunja

Die­sen Slo­gan „Glaube an die Sache“ scheint es wohl in jeder Spra­che zu geben, um den Glau­ben an die eigene — mili­tae­ri­sche — Staerke auch so zum Aus­druck zu brin­gen, dass es jeder glaubt. Wie hier auf dem zen­tra­len Platz im kolum­bia­ni­schen Tunja bei einer gros­sen Militaerparade.

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Bus-​​Beifahrer fuer 3 Stunden

Blick aus dem fahrenden Bus auf den Canjon Chicamocha

Nein, diese Fahrt werde ich nicht wie­der ver­ges­sen. Und nein, auch die­sen Fah­rer nicht. Darf ich kurz vor­stel­len: Pedro Pablo, 58 Jahre, vol­les, grau melier­tes Haar, leicht aus­ge­praeg­tes Dop­pel­kinn, gol­den ein­ge­fan­gene Bril­len­gla­e­ser, gebuer­tig aus San Gil, in der kolum­bia­ni­schen Pro­vinz Santan­der gele­gen, mit Beruf Bus­fah­rer. Wenn er lae­chelt, zeigt er stets seine zwei ver­blie­be­nen Schnei­de­zaehne, wenn er sich raeu­s­pert — und das tut er haeu­fig, hat man den Ein­druck, ein 7,5-Tonner setze gerade zum Ueber­ho­len an. Er selbst faehrt aber einen Klein­bus, hier Bus­seta genannt, und dies in die­sem Stil, wie ihn auch Selbst­mo­er­der pfle­gen koenn­ten, nur dass diese keine Fuhre Pas­sa­giere als ihnen anver­traute Beglei­ter haben.

Ges­tern durfte ich neben ihm auf dem Bei­fah­rer­sitz Platz neh­men. Dazu muss man wis­sen, dass die Gesell­schaf­ten meist die ein bis zwei — je nach Bus — Bei­fah­rer­plaetze mit ver­kau­fen, um mehr „Plata“, also Geld, zu machen. Bei die­ser Fahrt von San Gil nach Buca­ra­manga hatte ich es geschafft, neben ihm sit­zen zu duer­fen. Da wusste ich aber noch nicht, dass vor uns die land­schaft­lich scho­enste und auf­re­gendste Stre­cke lie­gen wuerde, die ich bis­lang ken­nen­ler­nen durfte. Vom Outdoor-​​Mekka San Gil auf ca. 1.000 Metern Hoehe gele­gen schraubte sich der voll­ge­packte Bus schwer schnau­bend die Ser­pen­ti­nen hin­aus. Die zwei­fach durch­ge­zo­gene Fahr­bahn­li­nie muss eine hier unbe­kannte Bedeu­tung haben. Pedro Pablo ver­suchte statt­des­sen, so ziem­lich alles zu ueber­ho­len, was sich uns in den Weg stellte. Und das war ein gan­zer Zug an Lkws, Tank­wa­gen, Hueh­ner– und Bier­trans­por­tern, deren wenig hueb­sche Hin­ter­teile uns nur kurz anlach­ten. Schliess­lich bil­det diese enge Gebirgs­stre­cke die ein­zige Ver­bin­dung zwi­schen der Millionen-​​Metropole Bogota und der tou­ris­tisch wenig inter­es­san­ten Indus­triegross­stadt Buca­ra­manga.

Vor jedem Ueber­hol­vor­gang raeu­s­perte sich unser Fah­rer aus­fu­ehr­lich, riss dann kraft­voll den Rang run­ter, schwenkte kraef­tig aus und war dann meist an allen vor­bei — falls er mit Voll­brem­sung nicht doch irgend­wie zwi­schen den teils ueber­hol­ten Opfern wie­der ein­sche­ren musste. Ein hueb­sches Manoever, vor allem wenn rechts die Fahr­bahn sich hin­ter einer 30 cm fla­chen Stras­sen­be­gren­zung in den tie­fen Can­yon Chi­ca­mocha woelbte, der sich immer­hin 500 und 1.500 Meter tief unter uns durch die­ses Gebirgs­mas­siv schlug. Ab und zu tauch­ten auf unse­rer Magen unfreund­li­chen Ser­pen­ti­nen­tour kleine Haeu­schen am Weges­rand auf, vor denen auf Lei­nen bunte T-​​Shirts, Slips und BHs im leich­ten Wind tau­mel­ten. An den Peage-​​Stationen war­te­ten Kin­der und ael­tere Frauen auf uns — mit Rie­sen­man­da­ri­nen im gebuen­del­ten 10er-​​Pack.

„Ohne diese vie­len Lkws wuer­den wir die Stre­cke leicht in zwei­ein­halb Stun­den schaf­fen“, stiess mein gaeh­nen­den Fah­rer durch die Schnei­de­zaehne und schien sich eher nach sei­nem Mit­tags­schla­ef­chen zu seh­nen. Schliess­lich hatte seine Uhr gerade 13 Uhr ange­zeigt. Doch schon im naechs­ten Momente setzte er wie­der alles dran, die im Stau ver­lo­rene Zeit rein­zu­ho­len. Neben mir war­tete statt­des­sen wie­der die tiefe Schlucht auf uns, waeh­rend uns gege­nu­e­ber die grauen, gra­fit­ar­ti­gen Fel­sen ihre kraef­ti­gen Kon­tu­ren im Sonnen-​​Schattenspiel zeigten.

110 Kilo­me­ter in drei Stun­den — dies schaf­fen auf die­ser viel befah­re­nen Ser­pen­ti­nen­stre­cke sicher­lich nur kolom­bia­ni­sche Bus­fah­rer. Pedro Pablo hatte gerade die zwei­ein­halb Stunden-​​Marke geris­sen, als wir die Indus­trie­me­tro­pole Buca­ra­manga bereits erreich­ten und mit 90 Stun­den­ki­lo­me­tern statt der erlaub­ten 30 bis 50 wenig sicher­heits­kon­form durch den Ver­kehr pflueg­ten. Irgend­wie war ich fast ein wenig trau­rig, als diese Begeg­nung wenige Kilo­me­ter spae­ter am Bus­bahn­hof ein Ende hatte. Aber wie sagt man hier so schoen: „Hasta luego“, also bis dann. Dabei blink­ten zum Abschied noch­mals die bei­den Schnei­de­zaehne durch Pablo Pedros wohl­wol­len­des Lae­cheln hindurch.

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