Veröffentlicht am 23 Dezember 2011. Tags: Kolumbien, Weihnachten
Wenn in einem weit abgelegenen Kloster „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ auf deutsch ertoent,
wenn eine Gruppe Kinder in einer versteckten Gasse auf ihren Geigen „Oh du Froehliche“ einstimmt,
wenn kleine Dorfkirchen ihre treue Gemeinde zum allabendlichen Weihnachtskonzert laden,
wenn Gotteshaeuser auf zentralen Plaetzen jeden Morgen um 3.30 Uhr zur Fruehmesse laut laeuten,
wenn der groesste Weihnachtsbaum nicht im kalten Berlin sondern im verregneten Bogota steht,
wenn in jeder TV-Sendung fuer Geschenke geworben wird, waehrend im Hintergrund (Kunst-)Schnee faellt,
wenn an praktisch allen Haeusern — ob Stadt, ob Dorf — die Weihnachtsbeleuchtung schrill glitzert,
wenn Lichterschlangen Sterne und Baeume auf Plaetzen, in Strassen, in Naturschutzparks erleuchten,
wenn aeltere Losverkaeufer bei ueber 30 Grad Hitze stolz ihre wollenen Weihnachtsmuetzen tragen,
wenn mit Suesscreme gefuellte Spruehdosen unvorsichtige Passanten mit weissen Baerten verzieren,
dann spuert auch der zugereiste Deutsche schon etwas melancholisch, dass Weihnachten vor der Tuer steht und in jedem Land etwas ganz besonderes ist — auch in seinem eigenen Herzen.
Frohe Weihnachten Euch Lieben!
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Veröffentlicht am 21 Dezember 2011. Tags: Handy, Kolumbien, la Niña, Religiositaet, Touristen
Gestern hat mich der Besitzer meines Hotels in Santa Marta gefragt, was sich meiner Meinung nach in Kolumbien innerhalb der letzten drei Jahre seit meines letzten Aufenthalts so alles veraendert haette. Da fielen mir spontan drei Aspekte ein:
1) Mehr Regen: Das Wetterphaenomen „La Niña“ hat hier voll zugeschlagen und in vielen Regionen des Landes fuer schlimmste Ueberschwemmungen und Verwuestungen gesorgt. Ich habe hier Bilder im Fernsehen gesehen, die mich regelrecht schockiert haben — aber davon bekommt ihr in Deutschland sicherlich nichts mit ;-(. Kaum jemand, mit dem ich hier gesprochen habe, kann sich an derartige Wassermassen erinnern wie in diesem Jahr. Einen guten Teil meiner Reise vor drei Jahren haette ich dieses Jahr niemals machen koennen. Dabei ist die Regenzeit eigentlich seit 1 Monat zu Ende.
2) Mehr Touristen: Auch wenn ich keine offiziellen Zahlen bei der Entwicklung der Touristenzahlen kenne, ist es doch offensichtlich: Die Zahl gerade der auslaendischen Besucher hat deutlich zugenommen. Das betrifft die Hauptstadt Bogota genauso wie fast alle meine bisherigen Reiseziele und sowohl Backpacker, reisende Paare als auch Familien mit Kindern. Kolumbien scheint sich also ganz allmaehlich und Schritt fuer Schritt zum Reiseland zu entwickeln. Bei den zahlreichen teils noch unentdeckten Reizen auch kein Wunder.
3) Mehr Handys: Die weltweite Mobilfunkphobie hat auch hier voll zugeschlagen — auch wenn es weiterhin die fliegenden „Minutos“-Telefonanbieter gibt. Kaum ein Ort, an dem nicht telefoniert, gesmst oder per Facebook u.ae. kommuniziert wird. Bevorzugte Handymarke ist uebrigens eindeutig Nokia. Das unglaublichste Beispiel habe ich erst vor wenigen Tagen in der 2.800 Meter hoch gelegenen Stadt Tunja erlebt. Ich sass in einer Kirche, eine Bank weiter betete ein juengerer Mann knieend in sich vertieft — die Religiositaet ist im gesamten Land weiterhin extrem hoch. Ploetzlich laeutete sein Handy. Nicht dass er dieses in diesem innigen Moment ignorieren wuerde. Keineswegs. Vielmehr nahm er in seiner weiterhin knieenden Stellung den Anruf an, sprach mit etwas gedaempfter Stimme in unveraenderter Haltung einige Minuten lang, um nach Abschluss — immer noch in derselben Haltung — weiter zu beten. Und da soll noch jemand sagen, dass Kirche und Modernitaet nicht zusammenpassen. ;-)
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Veröffentlicht am 21 Dezember 2011. Tags: Kolumbien, Strand
Wenn etwas in Kolumbien am Strand nicht klappt, dann ist das schlafen oder doesen. Nicht, weil die Straende so ueberfuellt waeren und fuer einen zu hohen Laermpegel sorgten. Keineswegs! Die „Stoerer“ sind eher berufsbedingt.
Denn hat man sich einmal ausgestreckt und die Augen geschlossen, wird man — so meine offiziellen Berechnungen — alle 8,5 Sekunden einen anderen fliegenden Haendler vor sich haben. Schliesslich haben sie eine Menge im Angebot. Da waeren — regelmaessig routierend — „Aguila, cerveza, agua“ (Bier und Wasser), „Masajes“ (Massagen, sic), „Tinto“ (Kaffee schwarz stark gesuesst), „Helados“ (Eis), „Frutas“ (meist Mangoschnitze), „Cocos“ (Erst Nuss trinken, dann essen), „Ostras“ (Austern), „Carnes“ (Fleischspiesschen) oder mal „Excursiones“ (Tickets fuer Ausfluege).
Dazu noch alle Arten von Chips, Eisschnee mit suessen Sossen (hat meist eine Penisform ;-), daher vielleicht so beliebt), T-Shirts und Umhaenge, Silberschmuck, Korallenketten und Armbaender (natuerlich alle made in Colombia), Tretboot-Angebote, Fotos vor Meereshintergrund (selbstverstaendlich von professionellen Fotografen) und weitere 38 oder 39 mehr oder weniger spannende Offerten. Da hilft nur eines: Weit ins Meer rausschwimmen. Denn da kommen sie — noch — nicht hin.
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Veröffentlicht am 19 Dezember 2011. Tags: CSR, Juan Valdez, Kaffee, oekologisch, sozial, transparentwashing
Wer durch Kolumbien reist, kommt an Juan Valdez Cafe nicht vorbei. Denn „Das Geschaeft der kolumbianischen Kaffeebauern“ mit dem nicht gerade preiswerten, aber meiner Meinung nach besten Kaffee der Welt hat in allen groesseren Staedten und Staedtchen seinen prominenten Sitz. Das Schoene: Ich gehe gerne dorthin — neben meinem Gaumen und meiner Nase auch mein Gewissen. Denn was bei uns etwas allgemein formuliert „fairtrade“ heisst, ist hier konkret ein Millionen schweres Projekt, das den hiesigen Kaffeebauern zu Gute kommt. Wie heisst es doch — frei uebersetzt — auf jedem Becher: „Jede fuer diesen Kaffee ausgewaehlte Kaffeebohne ist das Ergebnis des Engagements und der Arbeit von mehr als 500.000 Familien, die in Kolumbien Kaffee anbauen. Mit deinem Kauf traegst du dazu bei, dass diese Familien eine bessere Zukunft haben.“
Quer durch all seine Produkte und Medien kommuniziert Juan Valdez diese Botschaft der sozialen Foerderung, der nachhaltigen Entwicklung und des konsequenten Schutzes der Umwelt. Nicht nur die Becher, selbst die Papierteller fuer Kuchen und Croissants sind 100 Prozent recyclbar. Stets ist zu lesen: „In unserem Bestreben, dir den besten Kaffee der Welt anzubieten, wollen wir gleichzeitig die Natur schuetzen.“ Zudem initiiert Juan Valdez jaehrlich Projekte — wie den „Cafe de la Reconciliacion (Versoehnung) — A Valley of Peace“, um den hiesigen Kaffeebauern eine nachhaltige Einkommensalternative zu bieten — und dies gerade in Regionen, die jahrzehntelang unter dem politischen Konflikten des Landes leiden mussten.
Mir ist in Deutschland kaum ein Unternehmen bekannt, das so konsequent diesen Weg geht, ueber die Notwendigkeit dieses Weges auch jeden Nutzer — also hier Kaffeetrinker — sichtbar hinweist und damit natuerlich das eigene Markenimage positiv kommuniziiert — mit Erfolg, wie die hohe Beliebtheitsrate innerhalb von Kolumbien belegt. Also richtige soziale und oekologische Verantwortung als CSR-Ansatz — fernab von allem Green-, White-, Blue und sonstiges Transparent-Washing — und ich meine dies nicht auf die Entfernung in Kilometern bezogen.
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Veröffentlicht am 18 Dezember 2011. Tags: Kolumbien, Militaer, Militaerparade, Tunja

Diesen Slogan „Glaube an die Sache“ scheint es wohl in jeder Sprache zu geben, um den Glauben an die eigene — militaerische — Staerke auch so zum Ausdruck zu bringen, dass es jeder glaubt. Wie hier auf dem zentralen Platz im kolumbianischen Tunja bei einer grossen Militaerparade.
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Veröffentlicht am 18 Dezember 2011. Tags: Bucaramanga, Busfahrt, Chicamocha, Kolumbien, San Gil, Santander

Nein, diese Fahrt werde ich nicht wieder vergessen. Und nein, auch diesen Fahrer nicht. Darf ich kurz vorstellen: Pedro Pablo, 58 Jahre, volles, grau meliertes Haar, leicht ausgepraegtes Doppelkinn, golden eingefangene Brillenglaeser, gebuertig aus San Gil, in der kolumbianischen Provinz Santander gelegen, mit Beruf Busfahrer. Wenn er laechelt, zeigt er stets seine zwei verbliebenen Schneidezaehne, wenn er sich raeuspert — und das tut er haeufig, hat man den Eindruck, ein 7,5-Tonner setze gerade zum Ueberholen an. Er selbst faehrt aber einen Kleinbus, hier Busseta genannt, und dies in diesem Stil, wie ihn auch Selbstmoerder pflegen koennten, nur dass diese keine Fuhre Passagiere als ihnen anvertraute Begleiter haben.
Gestern durfte ich neben ihm auf dem Beifahrersitz Platz nehmen. Dazu muss man wissen, dass die Gesellschaften meist die ein bis zwei — je nach Bus — Beifahrerplaetze mit verkaufen, um mehr „Plata“, also Geld, zu machen. Bei dieser Fahrt von San Gil nach Bucaramanga hatte ich es geschafft, neben ihm sitzen zu duerfen. Da wusste ich aber noch nicht, dass vor uns die landschaftlich schoenste und aufregendste Strecke liegen wuerde, die ich bislang kennenlernen durfte. Vom Outdoor-Mekka San Gil auf ca. 1.000 Metern Hoehe gelegen schraubte sich der vollgepackte Bus schwer schnaubend die Serpentinen hinaus. Die zweifach durchgezogene Fahrbahnlinie muss eine hier unbekannte Bedeutung haben. Pedro Pablo versuchte stattdessen, so ziemlich alles zu ueberholen, was sich uns in den Weg stellte. Und das war ein ganzer Zug an Lkws, Tankwagen, Huehner– und Biertransportern, deren wenig huebsche Hinterteile uns nur kurz anlachten. Schliesslich bildet diese enge Gebirgsstrecke die einzige Verbindung zwischen der Millionen-Metropole Bogota und der touristisch wenig interessanten Industriegrossstadt Bucaramanga.
Vor jedem Ueberholvorgang raeusperte sich unser Fahrer ausfuehrlich, riss dann kraftvoll den Rang runter, schwenkte kraeftig aus und war dann meist an allen vorbei — falls er mit Vollbremsung nicht doch irgendwie zwischen den teils ueberholten Opfern wieder einscheren musste. Ein huebsches Manoever, vor allem wenn rechts die Fahrbahn sich hinter einer 30 cm flachen Strassenbegrenzung in den tiefen Canyon Chicamocha woelbte, der sich immerhin 500 und 1.500 Meter tief unter uns durch dieses Gebirgsmassiv schlug. Ab und zu tauchten auf unserer Magen unfreundlichen Serpentinentour kleine Haeuschen am Wegesrand auf, vor denen auf Leinen bunte T-Shirts, Slips und BHs im leichten Wind taumelten. An den Peage-Stationen warteten Kinder und aeltere Frauen auf uns — mit Riesenmandarinen im gebuendelten 10er-Pack.
„Ohne diese vielen Lkws wuerden wir die Strecke leicht in zweieinhalb Stunden schaffen“, stiess mein gaehnenden Fahrer durch die Schneidezaehne und schien sich eher nach seinem Mittagsschlaefchen zu sehnen. Schliesslich hatte seine Uhr gerade 13 Uhr angezeigt. Doch schon im naechsten Momente setzte er wieder alles dran, die im Stau verlorene Zeit reinzuholen. Neben mir wartete stattdessen wieder die tiefe Schlucht auf uns, waehrend uns gegenueber die grauen, grafitartigen Felsen ihre kraeftigen Konturen im Sonnen-Schattenspiel zeigten.
110 Kilometer in drei Stunden — dies schaffen auf dieser viel befahrenen Serpentinenstrecke sicherlich nur kolombianische Busfahrer. Pedro Pablo hatte gerade die zweieinhalb Stunden-Marke gerissen, als wir die Industriemetropole Bucaramanga bereits erreichten und mit 90 Stundenkilometern statt der erlaubten 30 bis 50 wenig sicherheitskonform durch den Verkehr pfluegten. Irgendwie war ich fast ein wenig traurig, als diese Begegnung wenige Kilometer spaeter am Busbahnhof ein Ende hatte. Aber wie sagt man hier so schoen: „Hasta luego“, also bis dann. Dabei blinkten zum Abschied nochmals die beiden Schneidezaehne durch Pablo Pedros wohlwollendes Laecheln hindurch.
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