
Ein wunderschoener Ort, den ich gestern verlassen habe: Villa de Leyva. Allein der Name klingt herrschaftlich, elegant, vornehm, nach wirklicher Groesse. Gross ist aber nur der Platz, einer der groessten ganz Suedamerikas: 14.000 m2 Weite, um es ganz genau zu nehmen. Dazu freigehalten als taegliche Begegnungsstaette und Ort wichtiger Feiern wie des jaehrlichen Festival de Luces.
Wenn man genau in der Mitte des Platzes an diesem kleinen, alten Brunnen steht, den man so leicht uebersehen kann und aus dem frueher die Frauen ihr taegliches Wasser schoepften, verliert sich der eigene Blick ein wenig: Nur aufgefangen von den geweisselten, zweistoeckigen Gebaeuden im kolonialen Architekturstil, mit ihren schwarzen Tueren, Fenstern und Balkonen, die sich spaetestens ab 23 Uhr in die Dunkelheit des Schlafes verabschieden, wenn sich nur noch vereinzelte Dorfjugendliche und nimmermuede Hunde Bierflasche oder Schwanz wedelnd etwas lauter gute Nacht sagen.
Still, alt, entspannt, verschlafen
Villa de Leyva war nach Bogota die zweite laengere Station auf meiner Tour und der volle Gegensatz: Dort die Millionen Metropole, laut, modern, hektisch, herrisch; hier der 15.000 Seelenort, still, alt, entspannt, zurueckhaltend, der auf 450 Jahre Geschichte zurueckblickt. Boese koennte man von einer Puppenstube sprechen — huebsch gemacht, mit den vielen kleinen Cafes, den gemuetlichen Restos und den nett anzusehenden Antiquitatetenlaeden. Und dies waere keineswegs falsch beschrieben, schliesslich lebt dieses koloniale Staedtchen knapp drei Stunden Fahrt noerdlich von Bogota ausschliesslich vom Tourismus. Und dies keineswegs schlecht. Doch im Unterschied zu heutigen reinen Touristengeschoepfen wie Assisi, Obidos oder Rothenburg ob der Tauber (ich weiss, dass dieser Vergleich gerade sehr willkuerlich ist), hat sich der Ort seine Entspanntheit, seine eigene Normalitaet, seinen Dorfcharakter, seine Tagesablaeufe — gerade wenn die sommerlichen Wochenenden vorbei sind -, bewahrt.
Vielleicht laesst sich dies damit erklaeren, dass es hier eigentlich nicht viel zu sehen gibt: 2–3 Kirchen, das Haus eines Revolutionshelden, ein Museum fuer lokales Kunsthandwerk, dazu ein kleiner Nationalpark mit maennlichen Fruchtbarkeitssymbolen und ein praechtig erhaltenes Dominikanerkonvent in der nahen Umgebung. Auch ist der Ort, wie ein Fuehrer passend schrieb, innerhalb von zehn Minuten in allen Richtungen zu erlaufen — natuerlich immer vom zentralen Platz ausgehend.
Weniger ist manchmal mehr
Doch braucht man wirklich mehr? Genuegt nicht das als Schachbrettmuster angelegte Gassengeflecht aus mal purer, mal etwas verspielter kolonialen Architektur? Diese vor 60 Jahren mit Kopfsteinpflaster angelegten Wege, die jede Stoeckelschuhtraegerin unweigerlich in die Arme des naechsten Schusters treiben? Und die sich bei Regen in Minutenschnelle in reissende Baeche verwandeln koennen, deren Ueberquerung zur Kernaufgabe jedes Fussgaengers wird? Die kleinen Laeden, deren Besitzer einem schon bald ein morgendliches oder abendliches Laecheln schenken oder ein paar Worte zurufen? Die Handvoll — ueberteuerter — Restos und Bars rund um die Plaza, die zu dieser gluecklichen Weite im eigenen Blick einladen — und dies jeden Tag und Abend aufs Neue?
Es gibt diesen sehr treffenden Ausspruch (von wem stammt der eigentlich?), dass „manchmal“ — warum eigentlich nur manchmal! — „weniger mehr ist“. So ist es auch hier. Dies wird vielen jedoch erst dann wirklich auffallen, wenn sie diesen Ort bereits hinter sich gelassen haben und seine Ruhe, Entspanntheit, Vertrautheit und koloniale Schoenheit etwas zu vermissen beginnen.