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Touristic-Show has to go on

Heute in meinem E-Mail-Postfach: Eines meiner chilenischen Hotels in Santiago informiert mich, dass sie während des Erdbebens in Chile keine Schäden erlitten haben. Dies hätte ein Ingenieur der Universität ihnen jetzt zertifiziert. Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, dass das Hotel die Preise gesenkt hat und jedem einen 50 Prozent Discount einräumt.

Vielleicht bin ich etwas sehr sensibel: Aber ist es nicht etwas sonderbar, dass beide Themen gleich miteinander vermischt werden? Nach dem – sicherlich auch verständlichen – Motto: „The (touristic) show has to go on.“ Also verdrängt die schrecklichen Geschehnisse, kommt wieder und holt euch die Rabatte. Schließlich ist uns – im Unterschied zur Konkurrenz – nichts passiert …. Auf jeden Fall hinterlässt es bei mir ein kleines Geschmäckle.

Top- oder Flop-Hotel

Als Tipps für alle anderen Traveller, die wie ich weder als Backpacker noch als Edeltraveller sondern auf Middleclass-Niveau durch Chile und Argentinien reisen, hier meine Hotels im Rückblick mit kurzer Bewertung.

Buenos Aires, Hotel Mundial, EZ 30 Euro: Hotel o.k.; liegt relativ zentral aber etwas zu nördlich an der berühmten Av. de Mayo; Service, Zimmer, Frühstück alles mittelmäßig bis o.k.; kann man nehmen, gibt aber sicher besseres.

Iguazú, Los Troncos, EZ 50 Euro: Traumhaftes privates Hotel in und gleichzeitig am Rand des Ortes – als Ausgangspunkt zu den Wasserfällen. Wer diese atmosphärische Welt nicht geniessen kann, ist selber schuld.

Hotel Los Troncos
Das romantische Hotel Los Troncos in Iguazú - perfekt für einen Besuch bei den Wasserfällen

Mendoza, Hotel Nutibara, EZ 40 Euro: Von außen hässlich, Zimmer in Ordnung, Lage, Service, Hilfsbereitschaft fantastisch, der kleine Outdoor-Pool am morgen ganz für sich allein göttlich. Und diese Freundlichkeit! Bedenkenlos buchen – für 40 Euro gibt es in der Weinstadt nix besseres. Und auch für mehr Geld kaum.

Santiago de Chile, Hotel Vegas, EZ 40 Euro: Liegt im hübschen, verwinkelten, kopfsteingepflasterten Barrio Londres direkt südlich der Hauptachse Alameda. Für Sightseer liegt alles in Laufentfernung, für Nachteulen die Szene zu weit nördlich. Aber Zimmer, Frühstück, Service alles mehr als o.k.. Ich würde wiederkommen. Wer einen besseren Tipp hat, her damit. In Snatiago ist es nicht einfach.

Valparaiso, B&B Harrington, EZ 40 Euro: Bei Tripadvisor das best bewertete B&B in Valparaiso – daher auch von mir gebucht. Ein sehr persönliches Hostal mit 5 Zimmern auf dem schönsten Hügel Conception hat hier ein aus Besancon ausgewandertes französisches Paar erschaffen. Sehr geschmackvoll eingerichtete Zimmer, tolles Frühstück (und das in Chile!) und dazu jede Menge Tipps und Hilfestellungen für jeden Neuankömmlich. Was will man mehr! Tipp: Zimmer 1 ist das schönste Doppelzimmer.

Hostal Harrington
Das schöne B&B Harrington in Valparaiso auf dem Hügel Conception

Chile und Argentinien sind unterschiedliche Nachbarn

Heute ist mein letzter Reisetag. Zeit fuer ein kleines Resumee nach dieser 2-Laender-Tour. Chile und Argentinien sind Nachbarn. Gleichlang unterschiedlich breit. Und zwar sehr unterschiedlich: Das maechtige Argentinien und das schmale Handtuch Chile. Getrennt nur durch die mehrere Tausend Kilometer lange Andenkette.

Doch wie stark unterscheiden sie sich eigentlich in ihren Gewohnheiten? Sind sie so aehnliche Nachbarn wie Deutsche und Hollaender oder sehr anders wie Deutsche und Polen? Ich weiss, der Vergleich hinkt. Auch wenn sich beide Laender nach nur drei Wochen Reisezeit nur sehr begrenzt vergleichen lassen, versuche ich es einfach mal.

a) Die Chilenen sind religioeser: Mangelt es in Buenos Aires und Mendoza an wichtigen Kirchen, sind sie gerade in Santiago im Strassenbild ueberall sichtbar – und gut besucht. Kaum ein Chilene – jung, alt, Mann, Frau, der nicht das Gotteshaus per Knicks, Kreuzzeichen, Beruehrung der Heiligen oder von Symbolen betritt und so wieder verlaesst.

b) Die Chilenen tragen mehr Sonnenbrillen: Faellt man in Buenos Aires mit einer Sonnenbrille noch fast auf, kommen Chilenen ohne dieses Gestell auf der Nase definitiv nicht aus. Nicht mal in der dunklen U-Bahn von Santiago lassen sie es von der Nase, was ich bislang nur von den – coolen – Italienern kannte.

c) Die Chilenen sind spielsuechtiger: Es gibt kaum eine Strasse, in der die Chilenen nicht ihrem Hobby nachgehen: Spielen. Meist ist es ein einfacher Schuhkarton, in dem 10 bis 20 Spielautomaten jeglicher Art stehen, die rund um die Uhr im Einsatz sind. Keine Ahnung, woher diese Sucht kommt.

d) Die Argentinier essen besser: Nichts ist leichter als in Argentinien gut zu essen. Die Fleischqualitaet ist ueberragend, die Pizzaqualitaet fast wie in Itlaien. Eigentlich laesst sich gerade fuer Nicht-Vegetarier nix falsch machen – und das schon fuer relativ wenig Geld. Wer in Chile dagegen richtig gut essen will, gibt viel Geld aus, geht um die Mittagszeit essen – oder liebt Fastfood.

e) Die Chilenen haben einen eigenen Drink: Nauterlich den Pisco – meist mit Zitronensaft und Zucker als Pisco Sour. So steht dieses leckere Etwas auf jeder Aperitif-Karte – und wird zahllos genossen. Von mir auch!

f) Die Argentinier haben eine eigene Musik: Natuerlich den Tango. Und der dominiert alles. Und in Chile? Einen eigenen Stil wie in Argentinien oder auch in Kolumbien habe ich noch nicht entdeckt. Eher ein Mix aus allem.

g) Die Chilenen sprechen schneller: Machen die Argentnier nur aus dem „ll“-Buchstaben ein mal schaerferes, mal weicheres „Sch“, sind die Chilenen die schnelleren, fauleren Sprecher. Sie verschlucken genre die Silben, was das Verstaendnis nicht ganz einfach macht. So nannte unser Grenzer den Grenzuebergang immer „Liberdor“. Erst im nachhinein habe ich verstanden, dass er „Libertador“ gemeint hat.

Romantisch zerfallen – Zu Gast in Valparaiso

Ist das eine besondere Stadt! Sie war eines der Kernziele meiner Reise. Und jetzt weiss ich auch, warum ich immer schon hierher wollte. Valparaiso ist eine alte zerfallene Schoenheit, die man nicht auf neu getrimmt hat und nicht mehr wachkuessen kann, sondern die ihren Charme genau aus dieser Unfaehigkeit zieht.

Ein altes, normales Hafenviertel, mit kleinen, etwas duesteren Gassen, kleinen Geschaeften, Fischhaendlern, einfachen Restos, die abends geschlossen fuer eine merkwuerdige Unheimlichkeit in diesem Quartier sorgen. Dazwischen verlassene Palaeste, deren Tueren man aufstossen und die verfallende Atmosphaere des 19. Jahrhunderts wieder entdecken kann. Alles sehr einfach, menschlich, normal, 100 Prozent untouristisch.

Auf der einen Seite des Viertels das Meer, aus dem dieser zweitwichtigste Hafen des Landes seine Macht und Kraft zieht. Auf der anderen Seite 30 „Bergdoerfer“, zu denen heute noch funktionierende Aufzuege (ja, ich stelle noch ein Video online!) fuehren. Oben angekommen: Ein anderes Bild: Bunte Haeuschen, mal zerfallen, mal frisch gestrichen, mal neu gemacht, mal zum Verkauf, auf jeden Fall bunt, ineinander verschachtelt, steil sich die Berge hoch- und entlangziehend, charmant, die Besucher ohne Unterlass auf den Ausloeser ihrer Kameras druecken lassen, auch wenn alle Fotoergebnisse ein voellig enttaeuschendes Nichts gegenueber dieser eigenen Begegnung sein werden.

Wer Valparaiso sehen kann, wird selbst diese glueckseligen Momenten mit den eigenen Augen, der eigenen Nase entdecken, geniessen und ganz allein fuer sich behalten – und zwar fest in seinem Herzen.