Tag Archive | "Internet"

Tarzan: Kabel statt Liane?


Droht kul­tu­rel­len Groß­er­eig­nis­sen, wie wir sie ken­nen, das Aus? Ab 2016 sol­len die Funk­fre­quen­zen zwi­schen 790 und 862 Mega­hertz an Funk-​​DSL-​​Anbieter ver­kauft wer­den. Das Pro­blem: Auf die­sen Fre­quen­zen sen­den zur­zeit Drahtlosmikrofone.

Max kann es immer noch nicht rich­tig fas­sen. Ein hal­bes Jahr hat er auf die­ses Kon­zert gewar­tet, 60 Euro für die Karte bezahlt. Jetzt steht er in der zwei­ten Reihe und springt zu den Hits der Red Hot Chili Pep­pers auf und ab. Sein bes­ter Freund Daniel wollte auch mit, war aber kurz­fris­tig krank gewor­den. Also schnell für Daniel ein Foto mit dem Handy knip­sen und über das mobile Hoch­ge­schwin­dig­keits­in­ter­net in Win­des­eile hoch laden. So kann sich Daniel wenigs­tens auf sei­nem Lap­top einen Ein­druck verschaffen.

Doch gerade, als Max das Foto hoch lädt, bekommt die Musik Aus­set­zer, auch die Stimme von Anthony Kei­dis scheint zu haken. Die Band ist irri­tiert, bricht den Song in der Mitte von „By the way“ plötz­lich ab. Kei­ner weiß so rich­tig, was los ist. Nach­dem Kei­dis kurz ein paar Worte von einem Tech­ni­ker geflüs­tert bekom­men hat, macht er eine Ansage: „Macht alle eure Han­dys aus. Ihr stört unsere Tech­nik. So kön­nen wir nicht spielen!“

Eine über­zeich­nete Vor­stel­lung der nahen Zukunft? Viel­leicht. Auf kei­nen Fall aber sollte diese Szene so ein­fach abge­tan wer­den. Denn Kon­zer­ten, Thea­ter– und Musi­ca­l­auf­füh­run­gen sowie den Über­tra­gun­gen von Groß­er­eig­nis­sen wie einer Fuß­ball­welt­meis­ter­schaft dro­hen mas­sive Änderungen.

DSCF4124-300x225 in

Fre­quen­zen wer­den versteigert

Fre­quenz­be­reichs­zu­wei­sungs­plan­ver­ord­nung“: Die­ses Wort­un­ge­tüm steht für eine Geset­zes­än­de­rung, die den Anbie­tern funk­ge­tra­ge­ner Breit­band­ver­bin­dun­gen ab 2016 den Fre­quenz­be­reich zwi­schen 790 und 862 Mega­hertz zusi­chern soll. Die ein­zel­nen Lizen­zen sol­len, ähnlich wie bei den UMTS-​​Lizenzen im Jahr 2000, an kauf­wil­lige Unter­neh­men ver­stei­gert wer­den und so Gel­der in die marode Staats­kasse spü­len. Durch das schnelle Inter­net per Funk sol­len neben mobi­len Anwen­dun­gen wie bei­spiels­weise auf dem Handy vor allem auch länd­li­che Kom­mu­nen mit DSL bezie­hungs­weise ADSL ver­sorgt wer­den. Das würde die so genann­ten „wei­ßen Fle­cken“ auf der Land­karte til­gen, die einer Voll­ver­sor­gung mit Breitband-​​Internet in Deutsch­land noch im Weg stehen.

Auf dem ange­peil­ten Fre­quenz­band zwi­schen 790 und 862 Mega­hertz aber ope­rie­ren zur­zeit eben draht­lose Mikro­fone, Musik­in­stru­mente und ähnli­che Geräte. Sie tei­len sich die Fre­quenz mit dem Fern­se­hen und nut­zen sol­che, auf denen regio­nal keine Fern­seh­sen­der lie­gen. Diese Pra­xis klappt bis­lang wun­der­bar. Mit der Digi­ta­li­sie­rung des Fern­se­hens aber wer­den diese Fre­quen­zen vom Medium Num­mer Eins nicht mehr gebraucht, die Funk­stre­cken als Zweit­nut­zer blei­ben auf der Stre­cke – mit gerade kul­tu­rell gese­hen ver­hee­ren­den Folgen.

Musi­cals wie bei­spiels­weise Tar­zan in Ham­burg wären ohne die draht­lose Ton­über­tra­gung auf­ge­schmis­sen. Die Sän­ger han­geln sich meter­weit über dem Boden und teil­weise auch über den Köp­fen der Zuschauer an Sei­len ent­lang. Über Funk­stre­cken wird der Ton dann an die Emp­fän­ger neben und hin­ter der Bühne gelei­tet, von wo aus er schließ­lich in die Boxen und somit die Ohren der begeis­ter­ten Zuschauer gelangt. Künf­tig wäre dies nur noch mög­lich, wenn sich die Schau­spie­ler an den Mikro­fon­ka­beln selbst ent­lang hangeln.

Ähnli­ches gilt für Kon­zerte jeg­li­cher Art. Groß­ar­tige Büh­nen­shows wie sie die Bands unse­rer Zeit bie­ten sind ohne draht­lose Tech­nik kaum vor­stell­bar. Ein Rob­bie Wil­liams mit einem end­los lan­gen Kabel an sei­nem Mikro­fon wäre nicht das­selbe. Schließ­lich lebt der Star aus Eng­land auch von sei­nem Spiel mit dem Gerät, das er wie kein Zwei­ter in der Luft her­um­wir­belt. Aber nicht nur die Sän­ger, auch die Musi­ker trifft es. Von der E-​​Gitarre über den Bass bis hin zu Blä­sern bei Ska-​​Konzerten läuft der Groß­teil heute auf Grund der Bewe­gungs­frei­heit über Funk. Und das nicht nur im pro­fes­sio­nel­len, son­dern auch im Hobby-​​Bereich.

Der Kul­tur­be­reich sieht sich also tief grei­fen­den Ver­än­de­run­gen gegen­über, die nicht ein­fach weg­zu­dis­ku­tie­ren sind. Nur am Rande: Auch bei den Über­tra­gun­gen sport­li­cher Groß­er­eig­nisse wie dem Spiel­be­trieb der Fuß­ball­bun­des­liga oder aber Welt­meis­ter­schaf­ten diver­ser Sport­ar­ten sind nur rea­li­sier­bar, wenn Ton­si­gnale per Funk an die rich­ti­gen Stel­len über­tra­gen wer­den. Eine Stö­rung die­ser Über­tra­gun­gen dürfte welt­weit für Auf­re­gung sor­gen. Den­noch sol­len die benö­tig­ten Fre­quen­zen an die Anbie­ter von Funk­in­ter­net ver­kauft wer­den. Nach Aus­sage der Bun­des­re­gie­rung soll die draht­lose Ton­tech­nik auf andere Fre­quenz­be­rei­che ausweichen.

DSCF4142-300x225 in Umrüs­tung ist teuer und langwierig

Die Umrüs­tung der allein in Deutsch­land betrof­fe­nen Mikro­fone würde weit mehr als eine Mil­li­arde Euro kos­ten, rech­net der Ver­band für pro­fes­sio­nelle draht­lose Pro­duk­ti­ons­tech­no­lo­gie (APWPT) vor. Erste Tests des Insti­tuts für Rund­funk­tech­nik in Mün­chen erga­ben zudem, dass sogar das Kabel­fern­se­hen gestört wird. Zu Bild­stö­run­gen kann es auch dann kom­men, wenn nur beim Nach­barn ein Funkinternet-​​Gerät im Ein­satz ist, heißt es.

Eine Umrüs­tung und Neu­aus­rich­tung der Draht­los­mi­kro­fone wäre auch nicht nur teuer, son­dern auch ein qua­li­ta­ti­ver Rück­schritt. Anbie­ten würde sich etwa der untere Fre­quenz­be­reich von 174 bis 230 Mega­hertz. Die­ser ist aber extrem stör­an­fäl­lig und daher nur schlecht geeig­net für Ver­an­stal­tun­gen, bei denen es auf exzel­lente Ton­qua­li­tät ankommt. Eine wei­tere Mög­lich­keit wäre der Bereich von 470 bis 790 Mega­hertz, der aller­dings für große Rund­funk­pro­duk­tio­nen wie dem Euro­vi­sion Song Con­test oder Wahl­ver­an­stal­tun­gen vor­ge­se­hen ist. Daher ver­gibt die Bun­des­netz­agen­tur, die für die Zutei­lung von Funk­fre­quen­zen zustän­dig ist, nur in Aus­nah­me­fäl­len Ein­zel­ge­neh­mi­gun­gen an bestimmte Nutzer.

Lang­fris­tig bleibt den Her­stel­lern also nur der hohe Fre­quenz­be­reich ab 1455 Mega­hertz. Doch auch hier dro­hen Stö­run­gen, der Bereich ist nicht unbe­dingt für aktu­elle Funk­mi­kro­fone geeig­net. Die Bun­des­netz­agen­tur sieht hier aber vor allem die Her­stel­ler in der Pflicht und for­dert diese auf, ihre Pro­dukte zeit­nah an den hohen Fre­quenz­be­reich anzu­pas­sen und gege­be­nen­falls neue Pro­dukt­grup­pen zu entwickeln.

Doch das kos­tet Zeit. Zeit, die den For­schungs­ab­tei­lun­gen der gro­ßen Her­stel­ler weg­läuft. Denn bis 2016 müs­sen die neuen Pro­dukte spä­tes­tens markt­fer­tig sein. Von der Idee über die ers­ten Pro­to­ty­pen bis zum Test im Ernst­fall ver­ge­hen aber schnell einige Jahre. Schließ­lich müs­sen die bis­lang unge­nutz­ten hohen Fre­quenz­be­rei­che erst genau unter­sucht wer­den, bevor die Mikro­fone an die Gege­ben­hei­ten und Stör­quel­len ange­passt wer­den können.

Die Bun­des­netz­agen­tur sieht keine Gefahr für kul­tu­relle Groß­er­eig­nisse, ist über­zeugt von der Anpas­sungs­fä­hig­keit der Mikro­fon­her­stel­ler. Eine Tak­tik, die auf­ge­hen kann. Unter dem Druck der dro­hen­den Absatz­lü­cke arbei­tet es sich viel­leicht schnel­ler und pro­duk­ti­ver. Schaf­fen es die Ent­wick­ler aber nicht schnell genug, zu rea­gie­ren, ist der Unmut in brei­ten Tei­len der Bevöl­ke­rung bereits jetzt vorprogrammiert.

Wpsf-img in

Posted in Featured, StudiTextComments (0)

TV und Internet — Ein Literaturtipp


Einen wun­der­bar zyni­schen — aber doch so wah­ren und lesens­wer­ten Essay hat Mario Six­tus über die ver­krampfte Bezie­hung zwi­schen TV-​​Sendern und Inter­net, über das Leben in „Digis­tan“ und „Simul­ta­nien“ geschrie­ben. Einst für das Jahr­buch Fern­se­hen geschrie­ben, ist er jetzt in gekürz­ter Form unter dem Titel „Fern­se­hen, sei umschlun­gen!“ in der Süd­deut­schen erschienen.

Die­ser Bei­trag sollte für alle „alte Män­ner in maß­ge­schnei­der­ten Anzüe­gen und mit selbst­zu­frie­de­nen Unter­tö­nen“ in den Medien zur Pflicht­lek­türe zäh­len. Aber viel­leicht wird auch ihr Ver­hal­ten dem des alten Haus­meis­ters glei­chen, wie Six­tus schreibt:

Ers­tens: das haben wir schon immer so gemacht, zwei­tens: da könnte ja jeder kom­men, drit­tens: hier dür­fen Sie nicht par­ken.

Viel Spaß beim Lesen wün­sche ich hier.

Wpsf-img in

Posted in FundtextComments (0)

Neue Top-​​Level-​​Domains: .egal statt .com?


Neues aus dem Lande Inter­net: In viel­leicht gar nicht all zu fer­ner Zukunft sol­len neue Top-​​Level-​​Domains auf den Markt kom­men. Statt der bis­lang gel­ten­den .com, .de, .net, .biz und so wei­ter soll dann fast jede Begriff­lich­keit als TLD zuge­las­sen wer­den. Also zum Bei­spiel www.finale.oho, oder www.schland.gewinnt! So will es zumin­dest der ICANN, der seit rund 25 Jah­ren die TLDs und IP-​​Adressen im Netz verwaltet.

„Wir haben den umfas­sends­ten Wan­del auf den Weg gebracht, der Mil­li­ar­den Inter­net­nut­zer in den kom­men­den Jahr­zehn­ten betref­fen wird“, sagte Icann-​​Präsident Paul Two­mey der Agen­tur APTN. Die Öffnung für neue Domain­na­men wurde zum Abschluss einer wochen­lan­gen Kon­fe­renz in Paris ein­stim­mig beschlos­sen. In der nächs­ten Etappe müs­sen Regeln für die Lizenz­ver­gabe ent­wi­ckelt wer­den (via Manager-​​Magazin).

Wozu führt das Ganze? Zu mehr Ord­nung, oder zu mehr Chaos? Mehr Ord­nung wird es sicher­lich nicht geben, allen­falls wer­den die Such­ma­schi­nen an Bedeu­tung gewin­nen. Denn wäh­rend man bis­lang noch zum Groß­teil auf gut Glück die wich­tigs­ten Endun­gen ein­fach aus­pro­biert hat (und in der Regel damit gut gefah­ren ist) wird das Ganze jetzt zum va-​​banque-​​Spiel. www.deutsche.bahn oder www.eon.energie sind sicher­lich nicht so ein­fach zu fin­den wie die bis­he­rige Ori­en­tie­rung an Län­der­kür­zeln resp. einem sim­plen .com.

Ach ja: Auch nicht­la­tei­ni­sche Zei­chen sol­len ab der neuen Reform mög­lich sein. Passt inso­fern ganz gut, da mit der Ein­füh­rung des gro­ßen SZ sowieso ein neues Tas­ta­tur­lay­out ansteht…

Wpsf-img in

Posted in FreitextComments (1)

Leitantrag: Fan oder Frust?


Zu einem eigent­lich ganz wun­der­vol­len Leit­an­trag hat sich die Ber­li­ner SPD durch­ge­run­gen. So soll ein WLAN-​​Funknetz in ganz Ber­lin instal­liert wer­den. Und das Ganze sogar für kos­ten­los. Der Grund: Ber­lin würde mit einem Schlag zum größ­ten Internet-​​Hotspot die­ser Repu­blik wer­den — zum Nut­zen von Ber­li­nern und Tou­ris. Und natür­lich soll — so Par­tei­spre­cher Höne­mann — auch die IKT-​​Weiterentwicklung unter­stützt werden.

Die Frage jetzt ist viel­mehr, was man davon hal­ten soll. Denn bevor jetzt alle ins Jubeln kom­men ob die­ser Ber­li­ner Vor­rei­ter: Plötz­lich alles kos­ten­los, nach­dem der rosa Riese und seine eng­li­schen Partner-​​Kontrahenten solch — zumin­dest für die eige­nen Kas­sen — schöne Punkte müh­sam und kos­ten­in­ten­siv auf­ge­baut haben. Ob das mit die­sen doch für die IKT-​​Weiterentwicklung in Ber­lin nicht ganz unwich­ti­gen Fir­men wohl mög­lich ist? Also alles doch nur Leitantrag-​​Gedöse ohne Chance auf Rea­li­sie­rung? Man darf gespannt sein, wie weit und wie ehr­lich sich die Ber­li­ner Regie­rungs­par­tei sich die­ses Thema auf ihre (Partei-)Fahnen geschrie­ben hat.

Wpsf-img in

Posted in FreitextComments (0)

Tipp 1 (oder ein 2. Vorwort): Das Internet feiert Goldene Hochzeit


Immer wie­der ist die Behaup­tung zu hören, dass viele Pro­bleme der Online-​​Kommunikation dar­auf zurück­zu­füh­ren sind, dass sie auf einem noch jun­gen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­dium namens Inter­net basie­ren. Wer dies behaup­tet, hat wenig Ahnung. Denn das Inter­net und viele damit ver­bun­de­nen Ser­vices sind alt.

Ein klei­ner Rück­blick: Der Internet-​​Vorgänger, das ARPANET, fei­ert die­ses Jahr bereits sei­nen 50. Geburts­tag. So geschah es im Jahre 1957, als in den USA die Advan­ced Rese­arch Pro­ject Agency — kurz ARPA — gegrün­det wurde, um ein Netz als dezen­tra­les Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­dium zwi­schen den Men­schen zu ent­wi­ckeln. Ergeb­nis: Im Jahre 1969 gin­gen die ers­ten Kno­ten­rech­ner an vier ame­ri­ka­ni­schen Uni­ver­si­tä­ten ans Netz.

Immer­hin 16 Jahre alt ist Tim Berners-​​Lee berühmte Erfin­dung WWW, der damit auch die Kom­mer­zia­li­sie­rung des neuen Net­zes ermög­lichte. Und E-​​Mails? Noch älter: Es war Ray Tom­lin­son, der bereits 1971 die erste E-​​Mail ver­sandte. Das heißt: Selbst­ver­ständ­lich hat die kom­mer­zi­elle und pri­vate Aus­brei­tung des Inter­nets inner­halb des letz­ten Jahr­zehnts extrem ange­zo­gen. Aber die Grund­idee dazu ist alt, sehr alt.

Wpsf-img in

Posted in FachtextComments (0)


Umfrage

Nach 2 Jahren haben wir das Layout des texterblogs völlig verändert. Wie gefällt es euch?

Ergebnisse anzeigen

Loading ... Loading ...

Tags