Gottes Werk und Teufels Beitrag?

Das „Buch der Bücher“, die Bibel, war schon immer für zahlreiche Diskussionen gut. Mit einer neuen Interpretation, der „Bibel in gerechter Sprache“ rüsten sich Experten, Religionskenner und nicht zuletzt die Medien für eine neue Runde im Streitgespräch um die Anschauung des christlichen Glaubens.

Das im vergangenen Jahr im Gütersloher Verlagshaus (Verlagsgruppe Random House) erschienene, 2.400 Seiten starke Buch, wurde bereits über 70.000mal verkauft und in zahlreichen Veröffentlichungen diskutiert. Für die Macher ein gelungenes Werk, aus Sicht der konservativen Kirchenvertreter Kirche eher so etwas wie Teufels Beitrag.

Was ist die „Bibel in gerechter Sprache?“

„Jede Übersetzung [der Bibel] ist eine Interpretation“ ist auf der Website der Herausgeber zu lesen. Und eine solche ist auch die „Bibel in gerechter Sprache“. Ihre Besonderheit liege darin, so die Verfasser, dass sie das Profil ihrer Übersetzung und Interpretation offen lege und eine „gerechte“ Sprache verwende. Diese gerechte Sprache bezieht sich auf „Textgerechtigkeit“, „Gerechtigkeit im Hinblick auf soziale Realitäten“ oder „Geschlechtergerechtigkeit“.

Das klingt zunächst nach einer gehörigen Portion politischer Korrektheit. Ein Vorwurf, den die Verfasser des Neuwerks nicht gerne hören und dazu die Gegenfrage stellen: „Was verstehen Sie unter politisch korrekt?“ Denn: Viele würden den Ausdruck verwenden, ohne seine Bedeutung zu kennen. So habe sich dieser als Stigmata entwickelt, Ablehnung gegen alles zu wecken, „was der eigenen Meinung nicht entspreche, wenn die eigene Meinung frauenfeindliche, antisemitische rassistische homophobe oder antidemokratische Elemente hat.“

(K)Eine Antwort, die mir zu einfach erscheint. Fragen mit einer Gegenfrage zu beantworten ist zwar ein rhetorisch zulässiges Stilmittel, führt aber in der Regel nicht zu einer nachvollziehbaren und klaren Stellungnahme. Also schauen wir uns einige Textpassagen an und urteilen selbst.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Es geht in diesem Artikel nicht um die Inhalte der Bibel. Weder um die der weitverbreitete(n) Version(en), noch um das Neuwerk in „gerechter Sprache“. Hier geht es viel mehr um den Text, den Textstil, um die Neufassung bekannter Sprachweisen und um deren (subjektiv beurteilten) Sinn.

Das erste Buch Mose (Genesis)

in der „alten“ Version…

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe, und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass es gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.

…und in „gerechter Sprache“

Bei Beginn | Als Anfang | Zu Anfang | Durch einen Anfang hat Gott Himmel und Erde geschaffen. Im Anfang | Zu Beginn | Am Anfang Da war die Erde Chaos und Wüste, Dunkelheit war da angesichts der Urflut, und Gottes Geistkraft bewegte sich angesichts des Wassers. Da sprach Gott: ‚Licht werde‘, und Licht wurde. Gott sah das Licht: Ja, es war gut. Und Gott trennte das Licht von der Finsternis. Gott nannte das Licht ‚Tag‘ und nannte die Finsternis ‚Nacht‘. Es wurde Abend und wurde Morgen – Tag eins.

Zugegeben: die „gerechte“ Version entspricht einem ‚modernen‘ Deutsch. So eine Art rechtschreibreformierte und jugendgerechte Schöpfungsgeschichte. Richtig Gefallen finden kann ich an ihr jedoch nicht, da erfreue ich mich an einem sicherlich theatralischeren und dramatischeren Sprachgebrauch der alten Übersetzungen. Alleine die Passage „Es werde Licht! Und es ward Licht.“ birgt sprachlich deutlich mehr Emotionen als ein simples „Licht werde, und Licht wurde“, Klick, Schalter an, Hell.

Genesis 3,1,

ebenfalls in der „alten“ Version…

Aber die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der Herr gemacht hatte […]“

und das „gerechte“ Pendant:

Die Schlange hatte weniger an, aber mehr drauf als alle anderen Tiere, die Adonaj, also Gott, gemacht hatte“.

Wow, krasses Wortspiel, Digga! Weniger an, aber mehr drauf, ey, coole Sache! Nein, im Ernst: Ich kenne den Originaltext nicht, bin des Hebräischen in keinster Weise mächtig, aber ich kann mir beim besten Willen die Bibel nicht als Comedy vorstellen.

Und so lesen sich in der „Bibel in gerechter Sprache“ noch zahlreiche weitere Beispiele und Passagen, die vielleicht gerecht sein mögen (Gott wird sowohl in einer männlichen wie weiblichen Form dargestellt und mit verschiedenen Namen benannt, was laut den Herausgebern dem Originaltext entspricht; es ist von Aposteln und Apostelinnen die Rede). Text – und als solchen sehe ich auch die Bibel – darf jedoch auch ein anderes Ziel verfolgen: nämlich Wirkung zu zeigen, Emotionen zu wecken, Phantasien anzuregen.

Wie modern darf Text sein?

Die Macher des Neuwerks werden sicherlich antworten: Genau das wollen wir mit unserer Interpretation. Wir verfolgen Wirkung, wecken Emotionen, klären auf um neue Phantasien anzuregen. Das würde nicht nur das beachtliche Medienecho, sondern auch die zahlreichen Veranstaltungen zeigen, auf denen das Werk diskutiert wird.

Die Frage ist nur: Wie viel Moderne und Gerechtigkeit braucht Text? Muss Text immer der aktuellen Sprache angepasst werden? Oder darf Text das Alte, das Mystische behalten?

Ich bevorzuge den „alten“ Stil. Doch möchte ich niemandem die umfangreiche Website der „Bibel in gerechter Sprache“ vorenthalten. Urteilen Sie selbst!

Die Kritk bleibt nicht aus

Der Rat der Evangelischen Kirche urteilt übrigens: „Eignet sich nach ihrem Charakter und ihrer sprachlichen Gestalt generell nicht für die Verwendung im Gottesdienst“. Kein Wunder – ein anderes Urteil wäre einer klerikalen Palastrevolution gleich gekommen.

Was man dabei konkret von der Neuinterpretation hält, wird zwischen den Zeilen verraten: „Der Rat achtet die Kraft und die Leidenschaft, mit der das Vorhaben einer ‚Bibel in gerechter Sprache‘ begonnen und in einem jahrelangen Prozess vorangebracht wurde“.

Eine harte Kritik. Aus Sicht der Kirche aber eine „gerechte“.