Gestern in meinem Postfach

In den letzten 3 Jahren haben sich kontinuierlich (z.B. hier) Journalisten und PR-Leute mit ihrem etwas sonderbares Verhältnis zueinander auseinandergesetzt. Diskussionen, Round Tables, Qualitätsoffensiven wie diese, Checklisten und zahlreiche Leitartikel und Buchbeiträge sind mehr oder weniger intensive Zeugnisse davon. Jeder, der sich zumindest einen Artikel herunterlädt, lernt dabei zumindest, was Journalisten bei PR-Leuten definitiv nicht mögen, wie eine Medienansprache erfolgsversprechender sein kann, wie die berühmten Do’s und Don’ts im gegenseitigen Umgang heißen und noch vieles mehr.

Dass viele davon anscheinend noch nie etwas gehört, es schon wieder vergessen haben oder das Thema aus Nichtwissen oder Desinteresse weit von sich schieben, erlebte mein Postfach erst gestern, als eine Pressemitteilung in ihm endete. Bevor sie dem Lösch-Button zum Opfer fiel, hatte sie das Glück, zumindest hier im texterblog rezipiert zu werden – wenn auch nicht ganz im Interesse des Absenders, sondern als Fehleranalyse, wie man es künftig auf keinen Fall machen sollte.

Schon der Adressatenblock in der E-Mail ist durchaus interessant und fehlerhaft, dass meistens schon hier die Löschtaste zuschlägt:

PRESSEMITTEILUNG

terradigitalis.net (geht also an ein Online-Magazin)
D. kleine Magazin (woher dieser Begriff wohl kommt?)
Chefredaktion
Oliver Reckmann (ist laut Impressum der Webmaster)

Sehr geehrter Herr Ruisinger, (warum jetzt diese Person, wenn die Mail an Herrn Reckmann adressiert ist)

wir sind ein aufstrebendes Unternehmen (wer das medium magazin liest, wüsste genau, dass dies zu den absoluten „Blasen und Phrasen“ gehört, die jeder Medienarbeiter vermeiden sollte), das seit Oktober 2006 eine ganz neue Idee auf dem Markt der Schlüsseldienste zu etablieren versucht (seit Oktober 2006? Wo liegt denn dann der berühmte News-Wert der jetzigen Pressemitteilung?). Um unseren Bekanntheitsgrad zu steigern (ja, das wollen viele) und um mit Ihnen als Tageszeitung (Als Tageszeitung? Geht diese E-Mal nicht an ein Online-Magazin? Das steht übrigens auch in den Stamm-Daten, aus den diese Adresse geholt wurde) eine dauerhafte und beiderseits zweckdienliche Partnerschaft (was für eine Partnerschaft denn?) aufzubauen, bitten wir Sie unsere Pressemitteilung redaktionell zu berücksichtigen.

Zwischennotiz: Diese Pressemitteilung ist schon jetzt eindeutig als Massenmail zu erkennen, die an alle möglichen Redaktionen – egal ob online, print, radio geht. Doch lesen wir noch ein kleines Stückchen weiter:

Ein Gewinn für Ihre Zeitung:
Zu unserem Geschäftskonzept gehört, dass die Franchise-Nehmer pro Jahr mehrere Anzeigen in Ihrer Zeitung schalten, um Endkunden zu gewinnen. (Also Veröffentlichung gegen Anzeigen? So sieht also die Partnerschaft aus) Deshalb bitten wir Sie, unser Unternehmen in Ihrem Erscheinungsgebiet bekannt zu machen. Natürlich arbeiten wir auch eng mit der Agentur für Arbeit zusammen.

Nein, liebe Schlüsselfirma. Redaktionen und Mediaabteilungen sind trotz Fusionitis in den Zeitungen noch nicht verschmolzen. Was soll ich als Journalist also nun mit diesem unmoralischen Angebot machen?

Ein kleiner Tipp: Vielleicht sollten Sie diese Pressemitteilung doch lieber nicht an die Redaktionen, sondern vielmehr gleich an die Anzeigenabteilungen schicken. Diese sind zumindest diese Angebote gewöhnt – und können den geldwerten Nutzen beurteilen. Für mich als Journalist hat dies wenig mit Journalismus, Partnerschaft und mit sauberer – und damit erfolgreicher – PR zu tun. Für Ihre Pressemitteilung bleibt bei mir nur der Mülleimer. Und ab damit!