Harvard-Twitter-Studie ohne wirkliche Überraschung

„Twitter mutiert zur Einbahnstraße“ titelte vor kurzem der PR Professional Newsletter. Der typische Twitterer beteilige sich nur sehr spärlich am Microblogging-Dienst. 10 Prozent der aktivsten Nutzer würden allein 90 Prozent der Inhalte produzieren. Der Hintergrund: Forscher der Harvard Business School in Boston hatten im Mai 2009 ein Sample von 300.542 Twitter-Nutzern untersucht, um herauszufinden, ob Twitter „a communications service for friends and groups, a means of expressing yourself freely, or simply a marketing tool“ ist.

Wenn ich über diese Ergebnisse selbst etwas nachdenke, bin ich keineswegs so überrascht, wie anscheinend die Forscher. Ist dieses Ergebnis nicht normal und durfte genau so erwartet werden? Auch als Blogs zum Medienhype gepusht wurden, war die Zahl der wirklichen täglichen Blogger gering – und die Zahl der Einmal-Blogs auf dem Blog-Friedhof hoch. Als Second Life aufstieg – und bald schon im Keller der Innovationsversuche versank – war die Zahl der Einmaltäter hoch, die Zahl der Tagestäter dagegen sehr gering. Also wo liegt das Neue in diesen Ergebnissen? Ist es nicht sogar typisch für jede – auch von der Medienwirklichkeit – gepushte Innovation, die möglichst viele ausprobieren, bei ihren ersten und zweiten Versuchen nicht den wirklichen Sinn für sich selbst erkennen und dann – wie hier – vom eigenen Twitter-Account künftig die Finger lassen?

Etwas sonderbar fand ich den Vergleich mit sozialen Netzwerken, in denen die Aktivsten immerhin 30 Prozent aller Kommunikation produzieren würden. Dies ähnelt der berühmten Sache von dem Apfel und der Birne, die nicht zu vergleichen sind. Soziale Netzwerke sind auf einen kontinuierlichen Austausch der Mitglieder ausgerichtet. So überrascht es kaum, dass z.B. rund 50 Prozent aller SchülerVZ-Mitglieder zumindest 1x pro Tag ihr Profil besuchen und dort mit ihren – meist – Schulfreunden das Gespräch vom Schulhof fortsetzen. Dagegen lässt sich Twitter auch ganz hervorragend als Informationstool dazu nutzen, auf wichtige Neuigkeiten, Anlässe, Links, Beiträge hinzuweisen – und erst dann darüber mit Followern ins Gespräch zu kommen.

Und anders gesagt: Ist es nicht vielleicht sogar eine gute Entwicklung, dass nicht jeder „Mist“, jedes Erlebnischen, jeder Torjubel, jedes Kinderkrähen, jedes Achselzucken, jedes Katzengähnen gleich per Twitter den Weg in die Öffentlichkeit findet? Auf das dann auch wiederum Hunderte Twitterer antworten, um aus Twitter noch ein intensiveres Kommunikationstool zu machen? Darüber bin zumindest ich ziemlich froh.

Ach ja: Wie auch Heise richtig bemerkt: Die Eingangsfrage wird in der Studie übrigens nicht beantwortet. Das finde bei solch einer Zielstudie wiederum ich etwas sonderbar.