Aufstand an der Basis: Von Fans organisierte Fußballvereine haben Großes vor

Currywurst statt Kaviar, Bier statt Burgunder. Fußballfans aus ganz Europa wollen derzeit ein Zeichen gegen den maßlosen Kommerz im Sport setzen. Ein Beitrag, wie Fans aus England und Deutschland den Mächtigen der Branche die Stirn bieten wollen, aber auch wie Trittbrettfahrer die Idee ausnutzen.

Im November 2007 explodierte beim deutschen Vorzeige-Club Bayern München die Bombe. Auf der Jahreshauptversammlung des Vereins platzt Manager Uli Hoeneß der Kragen, als er von einem einfachen Mitglied auf die schlechte Stimmung in der Münchener Allianz-Arena, der Heimspielstätte der Bayern, angesprochen wird. „Was glaubt ihr eigentlich, wer ihr seid“ und „für die Scheiß-Stimmung seid ihr doch verantwortlich“, bellt es vom Rednerpult herab. Ein gellendes Pfeifkonzert aus dem Plenum deutet an, was die Basis des Vereins von Hoeneß‘ Generalabrechnung mit dem einfachen Fanvolk hält.

Vergessen und verhallt – der Protest
In der Folgezeit kocht allerdings nicht nur die bayerische Volksseele. In Internet-Blogs und -Foren, auf den Traversen deutscher Stadien und an den Stammtischen regt sich Protest. Der Tenor ist allenorts der gleiche: der Fußball scheint sich endgültig vom Volkssport Nummer Eins verabschiedet zu haben und steuert mehr und mehr in Richtung „durchkommerzialisiertes Event“ zu.

Doch so leidenschaftlich seinerzeit darüber diskutiert wurde – die verbalen Entgleisungen des mittlerweile ehemaligen Bayern-Managers ringen den meisten Fans heutzutage nur noch ein müdes Lächeln ab. Zuviel ist durch den Blätter- und Datenwald gerauscht, als dass sich noch irgendjemand ernsthaft vor den Kopf geschlagen fühlt.

Revolution im Mutterland des Fußballs
Noch weit bevor der deutsche Fan über den Kommerz im Sport und seine Auswüchse diskutiert hat, kam dem Engländer Will Brooks im Februar 2005 eine Idee: Brooks ist Anhänger des Premier-League-Clubs FC Fulham, der sich mehrheitlich im Besitz des ägyptischen Multimilliardärs Mohamed Al-Fayed befindet. Weil es sportlich aber unter der Regentschaft des „Krösus vom Nil“ keineswegs aufwärts geht für den Londoner Club, sieht der ehemalige Sportjournalist Brooks nur einen Ausweg: er will selbst die sportlichen Geschicke einer Profimannschaft lenken. Da es aber am notwendigen Startkapital mangelt, ruft er kurzerhand die Website myfootballclub.co.uk ins Leben.

Die Idee, die dahinter steckt ist simpel: jeder registrierte User zahlt einen jährlichen Betrag über 35 Pfund und hat im Gegenzug volles Mitspracherecht, wenn es um die Verpflichtung neuer Spieler, den Ausbau des Stadions und die Mannschaftsaufstellung am Spieltag geht.

Aus der anfänglichen Idee ist heute Ernst geworden. Rund 52 000 Mitglieder zählt myfootballclub.co.uk heute, im Januar 2008 wurde mehrheitlich die Übernahme des Fünft-Ligisten Ebbsfleet United beschlossen. Zwar gelang es dem Club aus der Grafschaft Kent nicht, den angestrebten Durchmarsch in die nächsthöheren Ligen zu schaffen, doch darauf kommt es den meisten Mitgliedern auch nicht an. Ehrlicher Fußball, kleine Erfolgserlebnisse und gelebte Basisdemokratie sind es, die den geneigten Ebbsfleet-Anteilseigner glücklich machen. Und vor allem die Kampfansage an sämtliche Immobilien-Tycoons und Öl-Oligarchen: „Seht her, für uns ist ein Fußballklub kein nettes Spielzeug und was ihr könnt, können wir sowieso schon lange“.

Halbherziges aus Deutschland
Es dauerte nicht lange, bis die Idee in Deutschland ihre Nachahmer fand. An vorderster Linie: Sönke Wortmann – der Regisseur, der mit seinem Filmen „Das Wunder von Bern“ und „Deutschland – ein Sommermärchen“ die Euphorie zur WM 2006 schürte und damit maßgeblichen Anteil  an der Kommerzialisierung des „Events“ trägt. Unter www.deinfussballclub.de findet sich eine nahezu identische Kopie des englischen Originals. Die rund 10 000 Mitglieder lenken seit April 2008 die Geschicke des einstigen Traditionsclubs Fortuna Köln, der mittlerweile in der fünftklassigen NRW-Liga gestrandet ist.

Problem nur: dem Projekt mangelt es an Ernsthaftigkeit. Knallige Farben und knackige Imperative à la „Werde Manager und Co-Trainer“ auf der Homepage lassen eher auf ein spaßiges Onlinespiel schließen, als auf ein aktives Aufbegehren gegen die Großen und Mächtigen, die im Hintergrund die Fäden ziehen.

Rechts am Tor vorbei
Ernsthaft, aber sicherlich nicht ernst zu nehmen ist die Initiative „Mein deutscher Fußballverein“. Denn die Idee, einen Fußballverein basisdemokratisch von einer breiten Masse zu führen, hat neuerdings auch die Gemeinde der geistig Armen erreicht. In zahlreichen Online-PR-Portalen wirbt die Initiative um den Bremer Rechtsanwalt Thomas Staab mit dem markigen Slogan „Fußball kommt zurück – zu den Fans“. Die Projekt-Idee ist altbekannt: 30.000 Mitglieder sollen einen jährlichen Betrag von knapp 50 Euro überweisen und einen in der Versenkung verschwundenen Traditionsclub durch ihren Sachverstand wieder nach oben führen. Als mögliche Kandidaten sind auf der Homepage der Initiative Vereine wie der VfB Oldenburg, Lok Leipzig oder Waldhof Mannheim aufgeführt.

Soweit nichts Neues oder Schlechtes. Doch wer sich die Leitlinien hinter „Mein deutscher Fußballverein“ genauer ansieht, dürfte stutzig werden. Unter anderem heißt es dort, die Zahl der Ausländer im Team solle auf zwei begrenzt werden, um „ein Signal gegen den vorhandenen Multikulti-Aktionismus zu setzen“.

Neben Thomas Staab sitzt auch der selbstständige Kfz-Meister Thorsten Schibblock im Boot. Recherchen durch die Bremer Antifa ergaben, dass Schibblock bis zu ihrem Verbot 1992 Vorsitzender der „Nationalen Front“ war. Auch in rechten Hooligan-Kreisen soll der Name weit mehr als nur geläufig sein. Mittlerweile beschäftigt sich auch die Bremer Bürgerschaft mit dem Projekt und bestätigte die Vermutungen: das Innenressort sprach eine offizielle Warnung aus.

Seitens der Betreiber bemüht man sich nun, potentielle Mitglieder nicht zu verprellen. Auf der Startseite prangt neuerdings der Hinweis, es handle sich zwar um ein „polarisierendes“, aber gänzlich „unpolitisches“ Projekt. Doch auch wenn man versucht, den Mief der eigenen Herkunft loszuwerden, könnte ein Punkt vielen Interessenten sauer aufstoßen. Weniger im Hinblick auf die mehr oder weniger versteckte Deutschtümelei, sondern eher aus Kosten-und-Nutzen-Gründen. In den allgemeinen Geschäftsbedingungen der Seite ist nämlich vermerkt, dass satte 15 Euro des Anteils in die „Verwaltung“ der Website und der Initiative fließen. Am vielen Traffic mag es freilich nicht liegen, gerade einmal 70.000 Besucher haben sich bisher auf die Seite verirrt.