Nachtschwaermer, Fleischfresser, Tangotaenzer – Vorurteile in Argentinien

Wie ueber (fast) jedes Volk und Land wird auch ueber Argentinien und seine Bevoelkerung viel gesagt. Doch sind dies jetzt alles nur unbegruendete Vorurteile oder treffen sie irgendwie doch zu? Machen wir die Probe aufs Exempel.

a) In Buenos Aires hoert man an jeder Ecke Tango.
Richtig: Wer keinen Tango hoeren mag, sollte um die Stadt einen grossen Bogen machen. Denn ob in mittelmaessigen Cafes, in Strassenrestaurants oder aus Musik- und Buecherlaeden: Der Tango ist allgegenwaertig. Ob das Ganze fuer die Menschen hier oder die vielen Besucher inszeniert ist, ist eine andere Frage. Denn ausserhalb der touristischen Regionen nimmt auch die Tango-Bedroehnung ab.

b) Buenos Aires ist eine Fleischstadt.
Wie wahr! Vegetarier tun mir hier echt leid. Am besten schwenkt ihr ganz schnell um. Lecker totes Tier wird auch euch schmecken – versprochen! Denn am Begriff Parrilla (Grill) kommt auch ihr nicht vorbei. Staendig prangt er von Bars, Cafes, Restos, um – fast immer – unglaublich leckeres Fleisch anzukuendigen: In riesigen Portionen, mal ganz pur, mal fein gemacht, sodass es wirklich jedem mundet. Also probieren – immer Pizza ist doch bloed. Und wenn ich allein an das Rindfleisch-Carpaccio denke, das ich erst gerade genuesslich verspeisen durfte …

c) Buenos Aires ist billig.
Stopp: Gerade seit der argentinischen Finanzkrise Ende des letzten Jahrhunderts wird dies in vielen Artikeln und Reisefuehrern geschrieben. Und nein, es ist nicht wahr. Klar sind die Preise fuer uns Deutsche noch o.k., die Buskosten gering und das Metro-Ticket fuer 20 Cents ein Geschenk. Aber der Kaffee fuer 1,50 Euro, die Flasche Coca Cola oder Wasser am Kiosk oder im Supermarkt fuer 1-2 Euro, das Abendessen in etwas besseren Restos samt Glas Wein 20 Euro, in einfachen auch mal 10 Euro, das einfache Hotel fuer 30 Euro – da kann man wirklich von einem richtigen preiswerten Reiseland nicht mehr sprechen.

d) Die Restaurants sind bis 21 Uhr praktisch leer.
Naja, was hier vielen Reisebuch-Autoren entsprungen ist, ist maximal halbrichtig. Klar gehen die Argentinier spaet essen. Aber bei weitem nicht alle. Unter unterscheiden sich damit von Spaniern und (Sued)Italienern kaum. Und wenn es bei uns in sommerlichen Naechten heiss ist: Wer geht denn dann vor 8-9 Uhr essen?

e) Buenos Aires lebt in der Tradition.
Wieder halbwahr: Wer durch die Innenstadt stolpert, kommt kaum an argentinischer Geschichte oder dem Thema Einwanderung und Eroberung vorbei. Wer aber im trendigen Palermo-Hollywood-Viertel oder im neu entstandenen Hafenviertel Puerto Madero sitzt, kann mit dem Begriff Tradition nichts anfangen. Hier trifft die Moderne die Hypermoderne, die neuesten Mode- und Design-Trends auf die Architektur der Zukunft – mit den Menschen irgendwo zwischendrin.