10 Jahre Dotcom-Blase

Ein hervorragendes Special hat sich die lachsfarbene Financial Times Deutschland heute geleistet: Die gute Blase. Inhalt: Vor 10 Jahren erreichte der Neue Markt Index – wer erinnert sich noch an den Nemax? – seinen Höhepunkt. Was nach kurzer Hausse daraus wurde, daran können sich die meisten mit Bauchgrimmen erinnern: Der Pleitegeier sollte schon bald schweben – erst über vielen StartUps, dann über ihren Anlegern. Rund 211 Milliarden Euro wurden so am Neuen Markt in gerade mal sechs Jahren vernichtet – wirklich keine Peanuts.

Firmen wie Mobilcom, EM.TV, Gigabell oder Kabel New Media stiegen steil wie stolze Adler auf – und endeten als Suppenhuhn. Und als wenig schmackhaftes – zumindest für das Kapital der Aktionäre. Doch wie schrieb der Staatsanwalt beim Prozess gegen Ex-Comroad-Chef Bodo Schnabel: „Zu einem Clown gehört auch ein Zirkus, und dieser Zirkus nennt sich Neuer Markt.“
Das FTD-Special zeigt anhand der platzenden Dotcom-Blase hervorragend auf, wie man solch einen Krimi im nach hinein journalistisch aufbaut und gut lesbar auch für Nicht-Wirtschaftler aufbereitet.

Überschriften wie „Leben und sterben lassen“, „Das Streben nach Glück“, „Und es wurde Licht“ zeigen prägnant Aspekte dieses Lehrstücks; ein Portrait des Vorstandschef der Deutschen Börse Reto Francioni erinnert an den damaligen Miterfinder und Geburtshelfer des Nemax, ein zwei Zeitungsseiten großes Poster – hier als Download – verdeutlicht Aufstieg und Fall der Nemax-Story, „Zurück zu neuen Ufern“ fordert ein neues Denken, um hiesige Digital Valleys auferstehen zu lassen, Don Alphonso überschreibt Lehren, die schon lange wieder vergessen sind, mit dem sehr treffenden Titel „Nichts gelernt, aber gründlich.“

Man liest, zweifelt, schüttelt ungläubig mit dem Kopf, kann es kaum glauben, bezieht es auf die gerade noch aktuelle Finanzkrise, denkt auch an morgen und bewahrt sich eines: Die Skepsis. Anfängliche Skepsis gegenüber neuen Ideen und marktschreierischen Geschäftsmodellen, Setzen auf gründliche Analyse statt sofortiger Begeisterung. Und nicht (mehr) umgekehrt. Vielleicht ist dies die beste Botschaft, die solch ein Spezial beim Lesen erzeugen kann. Dafür meinen Dank.

*Ich bin weder Autor noch Abonnent der FTD. Noch. Und an der Börse bleibe ich trotzdem aktiv. Aber vorsichtig.