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Das Internet als Gesellschaftsystem

Wer diesen Vortrag bei der re:publica verpasst hat, sollte ihn sich unbedingt ansehen. Denn Gunter Duecks Vortrag „Das Internet als Gesellschaftsbetriebssystem“ gehört sicherlich zum Intelligentesten, was jemals öffentlich über die Entwicklung des Internets und seine Auswirkung auf die heutige und künftige Gesellschaft geäußert wurde. Gerade unseren lieben Entscheider – politisch wie wirtschaftlich – kann ich nur empfehlen: Bitte erst dieses Interview des IBM-Vordenkers Dueck ansehen, dann in Ruhe nachdenken und jede Entscheidung nochmals einer finalen Revision unterziehen.

Gunter Dueck auf der re:publica 2011

Wir müssen ins Facebook. Wieso?

Ersetze „Internet“ durch „Facebook“. Diese Aufgabe würde ich gerne jedem Mal zu diesem noch immer wunderbaren Video stellen. Und dann bitte schön die Frage nach dem „Wieso“ beantworten. Gibt es vielleicht nicht Alternativen? Fiel mir gerade so ein als ich einen kleinen Beitrag im Rahmen meines Buchprojektes schrieb und zur Diskussion stellte.

Tarzan: Kabel statt Liane?

Droht kulturellen Großereignissen, wie wir sie kennen, das Aus? Ab 2016 sollen die Funkfrequenzen zwischen 790 und 862 Megahertz an Funk-DSL-Anbieter verkauft werden. Das Problem: Auf diesen Frequenzen senden zurzeit Drahtlosmikrofone.

Max kann es immer noch nicht richtig fassen. Ein halbes Jahr hat er auf dieses Konzert gewartet, 60 Euro für die Karte bezahlt. Jetzt steht er in der zweiten Reihe und springt zu den Hits der Red Hot Chili Peppers auf und ab. Sein bester Freund Daniel wollte auch mit, war aber kurzfristig krank geworden. Also schnell für Daniel ein Foto mit dem Handy knipsen und über das mobile Hochgeschwindigkeitsinternet in Windeseile hoch laden. So kann sich Daniel wenigstens auf seinem Laptop einen Eindruck verschaffen.

Doch gerade, als Max das Foto hoch lädt, bekommt die Musik Aussetzer, auch die Stimme von Anthony Keidis scheint zu haken. Die Band ist irritiert, bricht den Song in der Mitte von „By the way“ plötzlich ab. Keiner weiß so richtig, was los ist. Nachdem Keidis kurz ein paar Worte von einem Techniker geflüstert bekommen hat, macht er eine Ansage: „Macht alle eure Handys aus. Ihr stört unsere Technik. So können wir nicht spielen!“

Eine überzeichnete Vorstellung der nahen Zukunft? Vielleicht. Auf keinen Fall aber sollte diese Szene so einfach abgetan werden. Denn Konzerten, Theater- und Musicalaufführungen sowie den Übertragungen von Großereignissen wie einer Fußballweltmeisterschaft drohen massive Änderungen.

The Subways_1

Frequenzen werden versteigert

Frequenzbereichszuweisungsplanverordnung“: Dieses Wortungetüm steht für eine Gesetzesänderung, die den Anbietern funkgetragener Breitbandverbindungen ab 2016 den Frequenzbereich zwischen 790 und 862 Megahertz zusichern soll. Die einzelnen Lizenzen sollen, ähnlich wie bei den UMTS-Lizenzen im Jahr 2000, an kaufwillige Unternehmen versteigert werden und so Gelder in die marode Staatskasse spülen. Durch das schnelle Internet per Funk sollen neben mobilen Anwendungen wie beispielsweise auf dem Handy vor allem auch ländliche Kommunen mit DSL beziehungsweise ADSL versorgt werden. Das würde die so genannten „weißen Flecken“ auf der Landkarte tilgen, die einer Vollversorgung mit Breitband-Internet in Deutschland noch im Weg stehen.

Auf dem angepeilten Frequenzband zwischen 790 und 862 Megahertz aber operieren zurzeit eben drahtlose Mikrofone, Musikinstrumente und ähnliche Geräte. Sie teilen sich die Frequenz mit dem Fernsehen und nutzen solche, auf denen regional keine Fernsehsender liegen. Diese Praxis klappt bislang wunderbar. Mit der Digitalisierung des Fernsehens aber werden diese Frequenzen vom Medium Nummer Eins nicht mehr gebraucht, die Funkstrecken als Zweitnutzer bleiben auf der Strecke – mit gerade kulturell gesehen verheerenden Folgen.

Musicals wie beispielsweise Tarzan in Hamburg wären ohne die drahtlose Tonübertragung aufgeschmissen. Die Sänger hangeln sich meterweit über dem Boden und teilweise auch über den Köpfen der Zuschauer an Seilen entlang. Über Funkstrecken wird der Ton dann an die Empfänger neben und hinter der Bühne geleitet, von wo aus er schließlich in die Boxen und somit die Ohren der begeisterten Zuschauer gelangt. Künftig wäre dies nur noch möglich, wenn sich die Schauspieler an den Mikrofonkabeln selbst entlang hangeln.

Ähnliches gilt für Konzerte jeglicher Art. Großartige Bühnenshows wie sie die Bands unserer Zeit bieten sind ohne drahtlose Technik kaum vorstellbar. Ein Robbie Williams mit einem endlos langen Kabel an seinem Mikrofon wäre nicht dasselbe. Schließlich lebt der Star aus England auch von seinem Spiel mit dem Gerät, das er wie kein Zweiter in der Luft herumwirbelt. Aber nicht nur die Sänger, auch die Musiker trifft es. Von der E-Gitarre über den Bass bis hin zu Bläsern bei Ska-Konzerten läuft der Großteil heute auf Grund der Bewegungsfreiheit über Funk. Und das nicht nur im professionellen, sondern auch im Hobby-Bereich.

Der Kulturbereich sieht sich also tief greifenden Veränderungen gegenüber, die nicht einfach wegzudiskutieren sind. Nur am Rande: Auch bei den Übertragungen sportlicher Großereignisse wie dem Spielbetrieb der Fußballbundesliga oder aber Weltmeisterschaften diverser Sportarten sind nur realisierbar, wenn Tonsignale per Funk an die richtigen Stellen übertragen werden. Eine Störung dieser Übertragungen dürfte weltweit für Aufregung sorgen. Dennoch sollen die benötigten Frequenzen an die Anbieter von Funkinternet verkauft werden. Nach Aussage der Bundesregierung soll die drahtlose Tontechnik auf andere Frequenzbereiche ausweichen.

The Subways_2Umrüstung ist teuer und langwierig

Die Umrüstung der allein in Deutschland betroffenen Mikrofone würde weit mehr als eine Milliarde Euro kosten, rechnet der Verband für professionelle drahtlose Produktionstechnologie (APWPT) vor. Erste Tests des Instituts für Rundfunktechnik in München ergaben zudem, dass sogar das Kabelfernsehen gestört wird. Zu Bildstörungen kann es auch dann kommen, wenn nur beim Nachbarn ein Funkinternet-Gerät im Einsatz ist, heißt es.

Eine Umrüstung und Neuausrichtung der Drahtlosmikrofone wäre auch nicht nur teuer, sondern auch ein qualitativer Rückschritt. Anbieten würde sich etwa der untere Frequenzbereich von 174 bis 230 Megahertz. Dieser ist aber extrem störanfällig und daher nur schlecht geeignet für Veranstaltungen, bei denen es auf exzellente Tonqualität ankommt. Eine weitere Möglichkeit wäre der Bereich von 470 bis 790 Megahertz, der allerdings für große Rundfunkproduktionen wie dem Eurovision Song Contest oder Wahlveranstaltungen vorgesehen ist. Daher vergibt die Bundesnetzagentur, die für die Zuteilung von Funkfrequenzen zuständig ist, nur in Ausnahmefällen Einzelgenehmigungen an bestimmte Nutzer.

Langfristig bleibt den Herstellern also nur der hohe Frequenzbereich ab 1455 Megahertz. Doch auch hier drohen Störungen, der Bereich ist nicht unbedingt für aktuelle Funkmikrofone geeignet. Die Bundesnetzagentur sieht hier aber vor allem die Hersteller in der Pflicht und fordert diese auf, ihre Produkte zeitnah an den hohen Frequenzbereich anzupassen und gegebenenfalls neue Produktgruppen zu entwickeln.

Doch das kostet Zeit. Zeit, die den Forschungsabteilungen der großen Hersteller wegläuft. Denn bis 2016 müssen die neuen Produkte spätestens marktfertig sein. Von der Idee über die ersten Prototypen bis zum Test im Ernstfall vergehen aber schnell einige Jahre. Schließlich müssen die bislang ungenutzten hohen Frequenzbereiche erst genau untersucht werden, bevor die Mikrofone an die Gegebenheiten und Störquellen angepasst werden können.

Die Bundesnetzagentur sieht keine Gefahr für kulturelle Großereignisse, ist überzeugt von der Anpassungsfähigkeit der Mikrofonhersteller. Eine Taktik, die aufgehen kann. Unter dem Druck der drohenden Absatzlücke arbeitet es sich vielleicht schneller und produktiver. Schaffen es die Entwickler aber nicht schnell genug, zu reagieren, ist der Unmut in breiten Teilen der Bevölkerung bereits jetzt vorprogrammiert.

TV und Internet – Ein Literaturtipp

Einen wunderbar zynischen – aber doch so wahren und lesenswerten Essay hat Mario Sixtus über die verkrampfte Beziehung zwischen TV-Sendern und Internet, über das Leben in „Digistan“ und „Simultanien“ geschrieben. Einst für das Jahrbuch Fernsehen geschrieben, ist er jetzt in gekürzter Form unter dem Titel „Fernsehen, sei umschlungen!“ in der Süddeutschen erschienen.

Dieser Beitrag sollte für alle „alte Männer in maßgeschneiderten Anzüegen und mit selbstzufriedenen Untertönen“ in den Medien zur Pflichtlektüre zählen. Aber vielleicht wird auch ihr Verhalten dem des alten Hausmeisters gleichen, wie Sixtus schreibt:

Erstens: das haben wir schon immer so gemacht, zweitens: da könnte ja jeder kommen, drittens: hier dürfen Sie nicht parken.

Viel Spaß beim Lesen wünsche ich hier.