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Nachdenken ueber Totgemachte

Montag nachmittag, 17 Uhr, Cementerio Central in Santiago de Chile. Ein laues Lueftchen federt kraftlos ums Gesicht. Drei Hunde knappern bei fast 30 Grad schlaefrig auf dem Rasen. Ein Friedhosfgaertner schluerft von Grab zu Grab. Der Ort hat seine Lebenskraft verloren, jetzt am Nachmittag. Dabei hat diese Gedenkstaette an zwei Millionen Menschen Macht: Die Macht der Betroffenheit, die Macht des Denkens, die Macht des Zurueckblickens, die Macht der Erschuetterung. Und diese Macht laesst nie nach – und das ist auch wichtig so.

Mahnmal fuer die Verschwundenen in Santiago de Chile
Mahnmal fuer die Verschwundenen auf dem Zentralfriedhof von Santiago de Chile

Vor mir das Denkmal fuer die „Desaperecidos“, die Verschwundenen oder besser gesagt, die Verschwunden gemachten. Vier Steinskulpturen, Koepfe mit Gesichtern, die dich direkt ansehen, dich erinnern an die Pinochet-Diktatur, die du niemals vergessen sollst, deren Opfer du ewig gedenken sollst. Aber nicht mit dem grossen Zeigefinger. Nein, viel staerker: Hunderte von Namen auf einem Mahnschild, Verschwundene in duesteren Kerkern, in eiskalten Folterkammern, an unmenschlichen Orten, die aber der Mensch fuer andere Menschen eingerichtet und genutzt hat. Als menschenunwuerdiges Martyrium. Unabhaengig von Rasse und Klasse, von Namen und Geschichte. Nachdenken. Wozu sind Menschen eigentlich faehig, nicht nur zu quaelen, zu foltern, schreien zu lassen, zu entwuerdigen, verschwinden zu lassen, sondern Opfern auch noch ihren Manen zu nehmen, der auf einem Grab fuer den Grabinhalt buergt? Nein, verschwinden lassen. Irgendwo. In Kellern, ueber Meeren, erniedrigt, verscharrt, unsichtbar, vergessen (gemacht). Die Augen traenen.

Eine bekannte Melodie holt mich aus den Gedanken. Ein Weihnachtslied. Ohne Unterlass. Woher? Von einer kleinen Grabstelle an der Opferwand. Mit frischen roten Rosen geschmueckt: „Opa, wir werden dich niemals vergessen.“ Rodrigo war 19, als er am 12. September 1973 verhaftet, mit Sicherheit gefoltert und dann irgendwie und irgendwo verschwunden gemacht wurde. So jung. Wie so viele der kleinen, mit Namen besetzten Graeber in dieser 20 Meter breiten und 5 Meter hohen Totenwand: Ein Foto, ein Gedicht, Blumen, viele Karten der Liebe, des Vermissens, des Anklagens. Wichtige Andenken.

Die Melodie laeuft immer noch. Schon ein Monat lang seit Weihnachten. Oder noch laenger? Als wollte sie imemrfort zum Gedenken aufrufen, zu „Nunca mas“. Niemals mehr? Was fuer ein positiver Gedanke – und so unrealistisch. Jeden Tag steht ein neuer Beherrscher, Machtgierhals, Menschenhasser, Koerperbesitzer, Seelenbesetzer, Menschenzerstoerer, Humankapitalquaeler auf, der diesen schoenen hoffnungsfrohen Gedanken verpuffen laesst. Irgendwo in dieser Welt.

Ein kleiner Blumenstrauss hat sich verliebt um ein Grab geschmeichelt, das seinen Inhalt nicht gekannt hat. Marisol wird hoffentlich die Liebe kennengelernt und gefuehlt haben. Als sie noch lebte. Denn mit knapp 21 Jahren war Schluss. Erzwungen. Ihr Leiden, ihre letzten Stunden will ich mir nicht vorstellen. Die Macht der Vorstellung ist staerker: Grauenvolle Bilder und Toene, Schreie, Winseln, Heulen und dann – endlich – Schluss. Der Tod kann etwas Schoenes sein. Als Erloesung.

Auch die amtierende Staatspraesidentin Michelle Bachelet war ein Folteropfer. Vor einer Woche wurde Sebastian Piñeda zu ihrem Nachfolger gewaehlt: Industrieller, Multimillionaer, intelligent, klar rechtsgerichtet, mit besten Kontakten zu ehemaligen Pinochet-Anhängern. Folterknecht statt Folteropfer? Uebetrieben vielleicht. Trotzdem nachdenken. Mir wird kalt bei diesen Gedanken. Und dies an einem ganz normalen Tag in dieser Graeberstadt namens Zentralfriedhof. Normal? Ich weiss nicht.